| Druidenrache von Barbara Schinko |
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Jetzt stehe ich auf dem Ewigen Fels. Das Tal der Alten breitet sich unter mir aus. Bis vor ein paar Tagen wußte ich nicht, daß ich es jemals betreten würde. Nun, da alles entschieden ist, fühle ich mich klein und verlassen. Ich habe keine Angst, so seltsam es auch klingen mag: nicht vor den Verfolgern, nicht vor dem Ritual. Es ist, als wäre dieser Teil von mir mit dem Betreten des Tales verschwunden, vielleicht auch schon vorher. Vielleicht ist die Angst auf jener düsteren Lichtung, auf der Xantara mich verließ, gestorben. Ach, Erhabene Schwester, wie gern würde ich alle Ängste der Welt in Kauf nehmen, wenn du bei mir wärst. Nein, ich fürchte mich nicht, doch in mir ist auch keine Hoffnung. Dieses Tal ist meine letzte Zuflucht, die einzige Rettung für uns alle, aber ich wünschte, ich hätte es nie betreten müssen. Vor mir breitet sich die Landschaft aus schroffen Felsen in ihrer uralten, zeitlosen Schönheit aus, doch alles, was ich sehen kann, ist das bleiche Gesicht meiner Erhabenen Schwester, und alles, was ich vernehme, sind ihre letzten, mühsam hervorgestoßenen Worte: Tochter der Wahren Druiden, habe keine Angst ... Ich werde beten, daß das Feuer deinen Weg beschützen möge. Während ich meinen Erinnerungen nachhänge, spüre ich, wie das Tal unter mir zum Leben erwacht. Rings um mich erheben sich die Felsgiganten aus ihrem jahrhundertelangen Schlaf. Ein Eindringling, flüstern die Bäume einander zu. Seht, wie sie da oben auf dem Ewigen Fels steht! Woher nimmt sie das Recht, die Ruhe des heiligen Ortes zu stören? Ich öffne all meine Sinne, wie man es mich gelehrt hat. Mit geschlossenen Augen und demütig geneigtem Kopf verkünde ich meine Anwesenheit, erzähle von meinem Auftrag und erbitte den Schutz des Tales. Dann, einer Eingebung folgend, sinke ich auf die Knie und warte ergeben auf das Ende der Beratung, die rings um mich tagt. Sollen wir ihren Wunsch gewähren? fragen Felsen, Bäume, Sträucher und Gräser einander. Sie ist noch jung, doch sie zeigt keine Furcht und spricht wahre Worte. - Worte der Wahrheit, Worte der Wahrheit, echoen die anderen. Ich warte und wage es nicht, den Kopf zu heben. Irgendwann vernehme ich die Entscheidung: So sei es. Gehe deinen Weg, Tochter der Wahren Druiden. Ich stelle nun doch eine Frage, zögernd, respektvoll: Werdet ihr mich beschützen? Ein Moment des Schweigens folgt. Was geschehen soll, wird geschehen, lautet schließlich die rätselhafte Antwort. Geschehen, geschehen, geschehen, verkündet das Echo. Ich verneige mich ehrerbietig und erhebe mich langsam. Ein letztes Mal präge ich mir die Richtung, in die ich gehen muß, ein, bevor ich mich abwende und den Ewigen Fels verlasse. Unten angelangt, mache ich mich auf den Weg. Ich bewege mich schnell und zielstrebig vorwärts, ohne einen Gedanken daran zu veschwenden, daß man mich entdecken könnte. Die Soldaten haben das Tal noch nicht erreicht; wäre es anders, wüßte ich davon. Es ist ein weiter Weg, der vor mir liegt, denn der Stein der Antworten liegt auf einer Lichtung am Ende des Tales. Schritt für Schritt nähere ich mich ihm, ertaste meinen Pfad über loses Geröll hinweg, zwischen dornigem Gestrüpp hindurch, an kargen Felswänden entlang. Alles ist still rings um mich. Es fühlt sich an, als wäre ich das einzige Lebewesen im Tal. Furchtlos und fast instinktiv bahne ich mir den Weg, ohne über mein Tun nachzudenken. Vor meinem inneren Auge erscheint Xantaras lebloser Körper, die durchdringenden grauen Augen geschlossen, die bleichen Hände wie zu einem stummen Gebet gefaltet. Ich sehe mich selbst in jener mondlosen Nacht, die Xantaras selbstgewählter Aufgabe, ihre Schwestern zu retten, ein so jähes Ende setzte. Zitternd kauerte ich, trotz meiner neunzehn Jahre kaum mehr als ein verängstigtes Kind, neben dem erkaltenden Körper meiner Erhabenen Schwester und bettelte, daß sie mich nicht verlassen möge - sie, der einzige Mensch, der jemals gut zu mir gewesen war. Es dauerte lang, bis ich mich schließlich erhob und die Wahre Druidin des Feuers ihrer einsamen Ruhestätte überließ, ohne etwas für sie tun zu können. Jede Flamme, die ich zu ihren Ehren entzündet haben könnte, hätte unweigerlich die Verfolger angelockt. Ihren Auftrag hatte sie an mich weitergegeben, und obwohl ich mir meiner Unwürdigkeit nur zu deutlich bewußt war, begriff ich doch, daß ich die einzige Wahl darstellte, die ihr geblieben war. So weise und gütig Xantara, meine Erhabene Schwester, mir stets erschienen war, so gefürchtet, ja sogar verhaßt, war sie bei vielen der anderen gewesen. Von den Wahren Druiden verstoßen, hatte sie ihr Leben als Wanderin geführt und beendet. Weit von der Heimat und ihren Schwestern entfernt, war es ihr unmöglich gewesen, eine der anderen zu benachrichtigen. Und damit lag in mir, ihrem einzigen Schützling, einer Heimatlosen, die Hoffnung aller Wahren Druiden vereinigt. Nur die Macht, die mir der Stein der Antworten verleihen konnte, würde ausreichen, um das Vordringen der Soldaten aufzuhalten. Wenn es ihnen gelänge, das Tal der Alten in Besitz zu nehmen, wäre alles verloren und die Schwesternschaft der Wahren Druiden dem Untergang geweiht... Die plötzliche Unruhe im Tal reißt mich aus meinen Gedanken. Eindringlinge, flüstern die Sträucher einander zu. Unzählige von ihnen! Das müssen jene sein, die das Kind verfolgen, verfolgen, verfolgen... Ich drücke mich dicht an die Felswand. Ein paar rasche Schritte führen mich zu einer Gruppe von Sträuchern, hinter denen ich mich niederlasse und ungeachtet der Dornen, die meine Hände zerkratzen, ein paar Zweige zur Seite biege, um freie Sicht auf den Ewigen Fels zu haben. Ich bin zu weit entfernt, um das Gesicht dessen, der an vorderster Front steht, zu sehen, aber sein goldener Helm glitzert in der fahlen Herbstsonne, und ich erkenne ihn trotzdem: Derjenige, der stolz wie ein Herrscher das Tal der Alten überblickt, anstatt demütig um Einlaß zu bitten, ist der Anführer jener Soldaten, die Xantara und mich verfolgt und meine Erhabene Schwester getötet haben. Mörder, flüstere ich und fluche im Stillen dem, dessen Namen ich nicht kenne. Elender Mörder... Mein plötzlicher, haßerfüllter Ausbruch führt dazu, daß ich am ganzen Körper zittere und einige Momente lang verharren muß, bis ich mich abwenden und weitergehen kann. Ich versuche, nicht mehr an die Verfolger zu denken, aber ich spüre, daß sie sich rasch nähern. Meine Bewegungen werden hastiger, trotzdem verringert sich mein Vorsprung stetig. Ich bin erschöpft, fast am Ende meiner Kräfte, und immer öfter stolpere ich über Wurzeln und Geröll. Die Soldaten schwärmen aus und verteilen sich rasch über das gesamte Tal. Schnell erkennt ihr Anführer mit den Augen eines Kriegers, von welchen Felsen aus man die Umgebung überblicken kann. Ich höre, wie er den Männern Anweisungen erteilt. Bald wage ich mich nur noch geduckt vorwärts aus Angst, entdeckt zu werden. Immer öfter lasse ich mich auf Hände und Knie nieder und krieche zwischen den Sträuchern hindurch. Mein Körper ist von Dornen zerkratzt und voll aufgeschürfter Stellen, das weiße Gewand zerfetzt. Ich fühle mich in längst vergessen geglaubte Zeiten zurückversetzt, kämpfe mich vorwärts wie damals, als ich, ein heimatloses, verlassenes Mädchen, allein in er Wildnis überleben mußte. Damals ahnte ich noch nichts von meinen verborgenen Fähigkeiten, und als Xantara mich fand, war es für mich wie der Eintritt in eine neue, fremde Welt. Doch jetzt ist sie tot, und ich weiß nicht, was aus mir werden soll. Da - ein goldener Blitz taucht hinter den Büschen auf und bewegt sich auf mich zu! Ich taumle erschrocken zurück und verliere meinen Halt. Als würde das Geröll unter meinen Füßen nachgeben, falle ich. Ein harter Schmerz durchzuckt mich, als ich mir den Kopf an einem Felsen anschlage. Instinktiv greife ich nach der Wunde. Meine Hand ist klebrig vor Blut. Stöhnend richte ich mich auf und sehe, wie der Anführer der Soldaten auf mich zukommt, eilig, siegesgewiß, er wird mich finden, ich weiß es... Hinter mir liegt die Felswand, und hastig krieche ich darauf zu. Mit letzter Kraft erhebe ich mich auf die Knie. Meine Hände krallen sich in den Stein. Ich hole tief Luft und beginne mit zitternder Stimme zu beten: Im Namen der Wahrheit und des Ewigen Rituals befehle ich, eine der Wahren Druiden der Erde: Öffne dich und verbirg mich vor den Blicken derjenigen, die mir Schaden zufügen wollen ... Tatsächlich schiebt sich die Felswand unter der Macht meines Gebetes auseinander, und ich gleite in den schmalen Spalt, der dadurch entstanden ist. Plötzlich ohne jede Furcht sehe ich, wie sich der Anführer der Soldaten mir nähert. Er kann mich nicht entdecken, dies ist das sicherste Versteck, das es gibt, denn für diesen Augenblick bin ich eins mit dem Fels. Jener, der den goldenen Helm trägt, geht vorüber, ohne mich zu finden, einen verständnislosen, verwirrten Ausdruck im Gesicht. Als mein Atem langsamer geht und ein Teil meiner Kräfte zurückgekehrt ist, wage ich mich aus dem Felsspalt hervor. Gern hätte ich noch länger gewartet, doch ich darf nicht zulassen, daß die Feinde den Stein der Antworten vor mir erreichen: Es würde unser aller Vernichtung bedeuten. So schnell ich kann, kämpfe ich mich weiter vorwärts. Als ich mein Ziel erreiche, atme ich erleichtert auf: Noch sind keine Verfolger zu sehen. Einen Moment lang nähre ich die betrügerische Hoffnung in mir, die Feinde wüßten nichts von der Macht des Steines, aber ich weiß zugleich, daß es nicht stimmt. Aus diesem Grund allein sind sie hier, hat ihr Anführer mit dem goldenen Helm und den Augen eines Kriegers sie in dieses entlegene Tal geführt: um den Stein der Antworten zu finden. Aus diesem Grund mußte Xantara sterben. Ich stehe am Rand der Lichtung, in deren Mitte sich der Stein befindet. Obwohl ich weiß, daß nichts so kostbar ist wie Zeit, ordne ich meine beschmutzten, zerfetzten Kleider, glätte mein wirres, strähniges Haar und warte, bis mein Atem wieder gleichmäßig geht. Ich darf dem Stein der Antworten nicht mit hastig pochendem Herzen entgegentreten. Jetzt, da ich dem Ziel so lächerlich nahe bin, fühle ich erstmals einen Hauch der Hoffnung in mir hochsteigen. Vielleicht werde ich meine Aufgabe tatsächlich erfüllen können. Aber gleichzeitig kehrt die Angst zurück, die bisher, vielleicht durch ein letztes Geschenk meiner Erhabenen Schwester, gebannt war, und voller Unsicherheit erblicke ich mich selbst wie in einem Spiegel. Tief in mir vernehme ich die Worte der uralten Prophezeiung: Denn jene, die den heiligen Ort niemals betreten hätten dürfen, wie auch jene, die einen Frevel haben begangen wider den Wahren Druiden, welchen es als den Einzigen obligt zu hüten das Große Geheimnis, möge der Stein bestrafen. Verbrannt durch das Heilige Feuer sollen sie werden... Jene, die Xantara und mich verfolgt haben, verdienen es, den Kräften des Steins zum Opfer zu fallen. Aber wird er bereit sein, mich als sein Werkzeug anzuerkennen? Bin ich nicht selbst eine Unwürdige, der es ohne Xantaras letztes Gebet verwehrt geblieben wäre, das Tal überhaupt zu betreten? Wird der Stein mir seine Hilfe verweigern und zulassen, daß die Feinde mich und die Schwestern töten? Tochter der Wahren Druiden, habe keine Angst... Es gibt kein Zurück mehr. Nach einem letzten, kurzen Zögern laufe ich los, quer über die Lichtung auf den Stein zu. Jetzt bin ich schutzlos, und wenn die Verfolger kommen, werden sie mich töten, doch daran verschwende ich keinen Gedanken mehr. Ich erreiche den Stein und bleibe stehen, verneige mich tief und ehrerbietig, trete dann gemessenen Schrittes vor und lege meine Hände in die Vertiefungen, die vor ewigen Zeiten dazu geschaffen wurden. Plötzlich bin ich ganz ruhig: Nichts zählt mehr außer dem Augenblick. Ich neige den Kopf, bis er an die harte Oberfläche stößt. Mein Blut befleckt den Stein, doch das wird das Ritual nicht stören, es bestenfalls verstärken. Ich beginne mit dem uralten Gebet und wende mich niemals um, auch dann nicht, als ich spüre, daß die Verfolger angekommen sind. Sie haben die Lichtung umstellt, aber sie machen keine Anstalten einzugreifen: Ich bin schutzlos und zugleich geschützt. Keine Macht der Welt vermag es, das Ritual jetzt noch zu unterbrechen. Als ich mich schließlich zu den wartenden
Feinden umwende, spüre ich, daß mit mir eine Veränderung
vor sich gegangen ist. Ich erkenne es an den Blicken voll Nervosität
und unterdrückter Angst, welche die Soldaten einander zuwerfen, an
der gespannten Haltung ihrer Körper. Fast alle von ihnen haben sich
dem Anführer zugewandt, der Ausdruck auf ihren Gesichtern bettelt
förmlich um den Befehl zum Rückzug: Sie alle haben Angst vor
mir, ihrem Opfer, dessen sie sich beinahe schon sicher wähnten, einer
verwundeten, erschöpften Gestalt in einem zerfetzten weißen
Kleid. Mit einem Ausdruck unheilvollen Triumphes richte ich mich langsam
auf und trete einen Schritt auf sie zu. Die Soldaten weichen vor mir zurück,
werfen dem Anführer Blicke, die von beginnender Panik zeugen, zu,
wagen es jedoch nicht zu fliehen. Jener, der den goldenen Helm trägt,
steht mir gegenüber, und deutlich erkenne ich, daß auch er,
vielleicht zum ersten Mal in seinem Leben, Furcht verspürt. Einen
Moment lang erwidere ich seinen Blick, koste den Ausdruck einer entsetzlichen
Vorahnung auf seinem Gesicht aus, bevor ich langsam die Arme hebe. Die
Verfolger stehen da wie erstarrt. Niemand versucht mich aufzuhalten und
keine Macht der Welt könnte es. Ich bin jetzt unverwundbar, unsterblich,
ein Teil des Ewigen Rituals. Ich spüre die Kraft, die mir der Stein
verliehen hat, in mir, und mit einem wilden, triumphierenden Schrei schleudere
ich den Feinden meinen Zorn in seiner ganzen vernichtenden Stärke
entgegen. Ein einziger Gedanke ist da und durchdringt alles andere, als
die Welt rings um mich in Flammen aufgeht: Dieses Feuer zu Ehren meiner
Erhabenen Schwester Xantara wird hell und sehr, sehr lang brennen.
© Barbara
Schinko
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