Auguste! von Gitte Hedderich

Auguste ist ... - oder nein, wartet es ab. Es war an einem kalten Tag, Ende November. Wie immer war ich mit Wölfchen, meinem Schäferhund, an einem Morgen unterwegs. Dieses Mal hatten wir ein abgelegenes Waldstück aufgesucht. Wölfchen ist ein großer Schäferhund und deshalb hatte ich auch keine Angst in dieser einsamen Gegend. Wir sprangen und tobten über Stock und Stein, bis ich mich endlich außer Atem auf einem Baumstumpf niederließ. Wölfchen hatte noch lange nicht genug und flitzte hin und her. Plötzlich begann er zu scharren und rollte schließlich etwas vor sich her. Neugierig ging ich hin und besah mir dieses Etwas. Es sah aus wie ein Ei, aber es war entschieden größer als ein Vogelei und es war gesprenkelt. Wölfchen betrachtete mich aufmerksam, ich steckte das Ei ein, ich würde Jürgen, meinen Mann, fragen. Vielleicht fotografierte ich es auch und frage die Mitglieder meines Forums, ob sie eine Ahnung haben, von welchem Tier es stammen könnte. Strauße haben wir ja in unseren Breitengraden nicht.

Zu Hause angekommen schaute Jürgen sich das Ei an und zuckte ratlos die Schultern, auch in meinem Forum hatte keiner eine Idee, um was es sich handeln konnte. So stellte ich es zu dem Marmor-Ei auf meinem PC-Tisch und vergaß es schließlich. Einige Tage später streifte mein Blick am Morgen umher, irgendetwas war anders, aber was? Nachdenklich betrachtete ich der Reihe nach die Gegenstände und dann fiel es mir auf, das Ei war zerbrochen. Wie konnte das sein, das Unterteil stand doch noch im Ständer? Ich lauschte, hörte ich irgendwo ein Vögelchen piepsen? Nein, alles war still, was mochte nur in dem Ei gewesen sein? Nun war mir doch ein wenig mulmig zu Mute, Spinnen? Nein, das konnte nicht sein, die legen doch keine Eier, oder doch? Aber wenn, dann auch nicht so große, beruhigte ich mich selbst. Das ganze Zimmer suchte ich systematisch ab, aber ich wusste ja nicht einmal, wonach ich suchte. Schließlich gab ich es auf und setzte mich an meinen PC, um die Mitglieder meines Forums zu begrüßen. Trotzdem war mir unbehaglich, ich fühlte mich beobachtet und dann sah ich es.

Zwei kleine schwarze Knopfaugen sahen mich an. Irritiert zwinkerte ich, denn ich konnte einfach nicht glauben, was ich da sah. Da saß wirklich und wahrhaftig ein winzig kleiner Drache und guckte mit etwas geneigtem Kopf zu mir herab. Es gab keinen Zweifel, er sah genauso aus, wie man sich einen Drachen vorstellt, grün mit einem plumpen Leib, den zwei Füßchen trugen, an der Seite lag das Schwanzende und das trug kleine Zacken, es ließ vermuten, dass sich diese über den Rücken entlang zogen. Alles in allem war er cirka acht Zentimeter groß. "Ja sag mal, wer bist denn du", fragte ich lächelnd, denn der kleine Kerl sah wirklich possierlich aus. Als Antwort kam ein Geräusch, das sich wie schnatterndes Gelächter anhörte und dann sprang der Kleine auf meinen Schoß. Offensichtlich hielt er mich für seine Mutter, denn ich war das erste lebendige Wesen, das er nach seiner Geburt erblickte. Sinnend blickte ich ihn an und in meinem Kopf entstand eine Assoziation: Oma Auguste Drache, Drache, Oma Auguste. Plötzlich musste ich schallend lachen und das Kerlchen fuhr erschrocken zusammen. Beruhigend streichelte ich ihn und flüsterte ihm zu: "Auguste heißt du, oder bist du gar ein Männchen?" Aber so sehr ich schaute, ein Geschlechtsmerkmal konnte ich nicht entdecken, haben Drachen das überhaupt? Also blieb es bei Auguste, ich kraulte sein Bäuchlein und er grunzte wohlig. Als Jürgen, mein Mann, aufstand, konnte er kaum glauben, was er da sah, verwundert rieb er seine Augen und Wölfchen war ganz aus dem Häuschen, er drängte seinen Kopf heran, um das unbekannte Tier zu beschnüffeln. Auguste fing an zu zittern und dann fauchte sie. Wölfchen fuhr erschrocken zurück und ich musste lachen, über den mutigen Winzling. Nun stellten sich Fragen über Fragen. Zuerst einmal brachte ich Auguste in Sicherheit, ich legte ein weiches Handtuch in eine große Salatschüssel und stellte diese auf den Tisch, damit Wölfchen nicht daran konnte. Dort hinein bettete ich Auguste, die sich sofort zusammenrollte und einschlief. Nun stellte sich uns die Frage, was frisst ein Drache? Wir beschlossen es erst einmal mit Milchbrei zu versuchen, mit dem kann man bei einem Baby sicher nichts falsch machen. So lief ich in die Stadt und besorgte Milch, Grieß und eine Flasche für unser neues Haustier. Wie richtig ich damit lag, zeigte sich bei der ersten Mahlzeit, Auguste saugte und schnaubte, dass es eine Wonne war, danach kuschelte sie sich satt und zufrieden in meinen Schoß und schlief ein, während ich sie streichelte.

Es verging einige Zeit und Auguste legte an Größe und Gewicht zu. Nun war sie fast zwölf Zentimeter groß. Es wurde Zeit, ihr einmal etwas von der Welt zu zeigen, beschloss ich, natürlich nicht in unserem kleinen Dorf, sondern ich würde mit ihr nach Essen fahren, in die Großstadt, dort würde man eine Kuriosität sicher eher verkraften. Im Keller suchte ich nach Wölfchens erster Leine, die befestigte ich an einem Schuhsenkel, das ich um Augustes Hals band und tatsächlich, es passte. Es schien fast, als sei sie stolz auf die Sachen, denn sie hopste freudig neben mir her. Am nächsten Tag wagten wir unseren Ausflug. Auguste saß in meiner ausgepolsterten, offenen Tasche und ich schaute hin und wieder nach ihr. Sie verschlief die Fahrt und ich war ganz froh darüber. In Essen wurde sie dann langsam munter. Ein wenig verborgen, im Eingang eines Geschäftes, nahm ich sie dann aus der Tasche und ließ sie neben mir her hüpfen. Sie quitschte vor Vergnügen. Einige Leute drehten sich trotz der Großstadt-Hektik nach uns um, ich konnte sehen, wie sie sich fragten, was das wohl für ein Tier war, an meiner Seite. Ein älterer Herr kam neugierig näher. "Na du bist ja ein süßes Hundchen", meinte er und nahm seine Brille von der Nase um sie zu putzen. Als er sie wieder aufsetzte und sich zu Auguste bückte, sprang die begeistert auf seinen Schoß. Der Mann wurde blass. "Das ist ja... das ist ja", stammelte er und zeigte auf die nun erschrockene Auguste und als die dann zu fauchen begann, sprang er auf und rannte schnell wie ein junger Mann davon. Auguste lachte, ich stutzte, das konnte doch nicht sein, lachen Drachen etwa? Aber es gab keinen Zweifel, sie gluckste, ihr kleines Bäuchlein wackelte und in ihren schwarzen Knopfaugen glitzerten Tränen. Es waren nun mehrere Passanten aufmerksam geworden, so setzte ich Auguste wieder in meine Tasche und ging davon, als sei nichts geschehen. Einige Leute schmunzelten, sie hielten das Ganze sicher für einen Werbe-Gag oder die Versteckte Kamera.

Wenn ich öfter solche Ausflüge machte, würde ich Auguste etwas zum Anziehen besorgen müssen, denn selbst mir war es mit Mantel nun kalt. Mal überlegen, Karstadt würde sicher Puppenkleidung haben, also auf, dorthin. Auguste lugte über den Taschenrand, sie hielt sich am Henkel fest und staunte. Bei Karstadt lief im Eingangsbereich das Gebläse, ein warmer Luftzug streifte uns und Auguste zog erschrocken den Kopf ein. Wieder musste ich lachen, die Kleine war aber auch zu drollig, die erstaunten Blicke, der anderen, die natürlich nicht wussten, was es hier zu Lachen gab, reizten mich noch mehr. Einige lachten zurück, andere schüttelten den Kopf. Die Spielwarenabteilung befand sich in der dritten Etage, las ich, und fuhr die Rolltreppe hinauf. Wusch, lugte Augustes Köpfchen wieder hervor. Zielsicher suchte ich mir in der Abteilung eine Verkäuferin und bat sie mir ein Mäntelchen für meinen Drachen zu zeigen. Ihre Augen weiteten sich und sie trat vorsichtshalber einen Schritt zurück. "Für ihren Drachen", vergewisserte sie sich noch einmal, in der Hoffnung, sie habe sich verhört. "Richtig", bestätigte ich ernst. "Welche Größe hat das Tier?" wollte sie nun wissen. So nahm ich Auguste aus der Tasche und stellte sie auf einen der Tische. Auguste stand stocksteif und bewegte sich nicht. Die Verkäuferin hielt sie wohl für ein Stofftier und mich für ein wenig Gaga. Seufzend holte sie eine Packung Baby-Born-Bekleidung und hielt sie mir hin. "Kann Auguste das anprobieren?" fragte ich sie. Ihr Mund klappte auf. "Auguste?" staunte sie, fasste sich aber schnell wieder. "Das ist leider nicht üblich, wenn die Verpackung offen ist, müssen sie die Sachen nehmen", klärte sie uns auf. "Wenn es dem Kind aber nun nicht passt", fragte ich störrisch. Wütend riss sie die Verpackung auf und wollte Auguste das rosa Mäntelchen überstreifen, das diese schon hingerissen beobachtete. Derbe fasste sie zu, was Auguste zu einem kleinen Feuerstoß veranlasste. Schreiend suchte die Verkäuferin daraufhin das Weite, während ich mich bewundernd an meinen kleinen Liebling wendete. "Das kannst du also auch schon, alle Achtung, gratuliere!" Und ich schwöre, Auguste verstand jedes Wort, denn sie wuchs einige Zentimeter vor Stolz. "Gefällt dir der Mantel?" fragte ich sie und sie hüpfte begeistert auf und ab. Um nicht noch mehr Wirbel zu verursachen, liefen wir nun schleunigst zur Kasse, denn am Ende der Abteilung sah ich unsere Verkäuferin mit einem Wachmann auftauchen - nur weg hier.

Nach der ganzen Aufregung brauchten wir dringend eine Pause. Dazu gingen wir Kaffeetrinken, allerdings nur in die Cafeteria bei Horten, in einem vornehmeren Etablissement wären wir sicher noch schneller aufgefallen. Leider war der Espresso nicht allzu heiß, so nahm ich Auguste wieder aus der Tasche und bat sie ein wenig Feuer zu machen. Es klappte fabelhaft, ich war sicher, dass uns keiner beobachtet hatte, doch nach einer Weile trat ein junger Mann an unseren Tisch. "Ich weiß zwar nicht, welchen Flammenwerfer sie dabei haben, aber sie trinken ihren Kaffee nun mit solchem Genuss, könnten sie meinen auch erwärmen?" "Nur wenn sie uns nicht verraten", lächelte ich. Daraufhin hob er die Hand auf sein Herz und sprach: "Großes Indianer-Ehrenwort." So nahm ich Auguste wieder aus der Tasche und bat sie noch einmal Feuer zu speien. Fasziniert sah der junge Mann zu. Es hatte ihm wohl die Sprache verschlagen, denn er murmelte nur: "Danke", und ging zu seinem Platz zurück. Er machte einen sehr verwirrten Eindruck, so trank ich schnell aus und wir suchten das Weite, ehe er einen Zoo-Direktor herbestellte. Für diesen Tag hatten wir genug erlebt und fuhren heim. Auguste verschlief wieder die ganze Fahrt.

Nun konnte man fast zusehen, wie sie wuchs, sie begann nun auch öfter mal mit Wölfchen zu spielen, wenn er ihr zu wild wurde, spie sie ein wenig Feuer und verschaffte sich so Respekt, mit der Zeit begannen die Zwei auch aus demselben Napf zu fressen, je größer Auguste wurde, um so besser verstanden sich die beiden. So verging Tag um Tag, die beiden hielten uns ganz schön auf Trapp. Nach ungefähr drei Monaten maß Auguste stolze 40 Zentimeter und es war abzusehen, dass wir uns bald nach einer anderen Lösung würden umsehen müssen. 

In dieser Zeit passierte folgendes: Ich ging mit meinem Wäschekorb in den Keller, um die Wäsche dort aufzuhängen. Gerade, als wir durch den Fahrrad-Keller gingen, kam uns unser Nachbar Herr Schmittke entgegen und der ist auf Haustiere aller Art nicht gut zu sprechen. Als er vor uns stand, kam plötzlich Bewegung in meine Wäsche. Auguste hatte sich darunter versteckt und kam nun hervor, wie Jack aus der Box. Herr Schmittke erstarrte erst und begann dann zu brüllen. Laut "Ein Drache, ein Drache" schreiend rannte er durch das Haus und alle Nachbarn kamen an ihre Türen, um zu sehen, was passiert war. Schnell brachte ich die Wäsche wieder in meine Wohnung und stellte mich dann harmlos in meine Türe. Herr Schmittke kam wieder herunter gerast. "Sie, sie", schrie er und drohte mit der Faust. "Raubtiere halten sie, aber ich werde dem ein Ende machen, verklagen werde ich sie." Betont harmlos sah ich ihn an. "Welche Raubtiere denn, Herr Schmittke?" wollte ich wissen. "Einen Drachen", japste er, "ich habe es genau gesehen, sie hatten einen Drachen im Wäschekorb." Herausfordernd sah er meine Nachbarin an. Diese Zeit nutzte ich, um hinter seinem Rücken die Augen zu verdrehen und eine entsprechende Geste an meinem Kopf zu machen. Langsam zogen sich alle in ihre Wohnungen zurück, Herr Schmittke war fassungslos. Dass ich das erleben durfte, ich erzählte die Begebenheit meinem Mann und wir hatten viel Spaß an diesem Abend, aber es war uns auch klar, dass Augustes Zeit bei uns nun begrenzt war. Sie wuchs und wuchs und Herr Schmittke würde auf der Lauer liegen. Nun begannen wir in jeder freien Minute Zeitungs-Annoncen zu sichten und endlich wurden wir fündig. Wir fanden einen uralten Bauernhof im Schwarzwald. Schleunigst brachen wir unsere Zelte in dem kleinen Dorf ab, in dem wir nun fast dreißig Jahre lang gewohnt hatten. Auguste reiste in einer Kiste als irischer Wolfshund deklariert mit der Eisenbahn, zuvor hatte ich ihr eingeschärft unter keinen Umständen Feuer zu speien, sie ist so ein liebes Tierchen. Wohlbehalten landeten wir alle in unserem neuen Domnizil, abseits der Zivilisation. Es kursiert zwar das Gerücht von einem riesigen Ungeheuer in dieser Gegend, aber man soll ja bekanntlich nicht alles glauben, was man so hört gell?

Ach ja, Auguste misst nun ein Jahr später satte 2,50 Meter und sie beschützt mit Wölfchen ihre kleine Familie und fühlt sich auf ihrer Weide und in ihrer großen Scheune einfach pudelwohl, wir lieben sie heiß und innig, möge uns das Schicksal noch lange miteinander glücklich sein lassen.
 

© Gitte Hedderich
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