Drei für die Drachen von Barbara Schinko

(Erstveröffentlichung im Drachental: 2002)

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Eins für die Schatten, den Kampf und die Nacht.
Eins für den Frieden, der niemals vollbracht.
Eins für den Funken, der Feuer entfacht.
Drei für die Drachen: Drachen erwacht ...

(Aus den alten Sprüchen, gesammelt und niedergeschrieben von Talen)

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Drei für die Drachen

Seit Tagen schon folgten ihm die Wakan. Stets blieben sie weit genug entfernt, um nicht gesehen zu werden, aber Rank hörte das nächtliche Heulen. In seinen Fieberträumen kamen sie, ungeachtet des Lagerfeuers, und beugten sich hechelnd über ihn, die Mäuler weit aufgerissen, bereit, ihm die Kehle zu zerfetzen und das warme Blut aufzulecken. Dann erwachte er zu seinen eigenen Schreien, und in die Erleichterung darüber mischte sich die Gewissheit, dass es bald kein Traum mehr sein würde. Das ziellose Herumirren verlangte seinem kranken Körper die letzten Kräfte ab – doch wofür? Die Aussicht, den Weg ins Tal zu finden, war verschwindend gering. Die Wakan waren ihm geduldig gefolgt, immer im gleichen Abstand, doch seit gestern kamen sie näher. Sie wussten, dass das Ende seiner Reise nahte. Und nichts schätzten sie mehr als eine Beute, deren Blut noch warm und fast lebendig aus den zerfetzten Adern spritzte. 
Selbst ohne die Tiere hätte Rank gewusst, dass er verloren hatte. Seitdem Räuber seine Begleiter dahingemetzelt hatten und nur er mit knapper Not entkommen war, irrte er ziellos herum. Er, ein einfacher Bauernsohn, war mit den Bergen nicht vertraut. Gilden der Jäger war es gewesen, der die Gruppe angeführt hatte und nun tot war wie all die anderen. Hätte das verfluchte Räuberpack auch doch ihn gemeuchelt! Ein Pfeil aus dem Hinterhalt schien Rank ein gnädiger Tod im Vergleich dazu, allein in dieser Einöde zu verrecken. Gestern, als sein verletztes Bein nachgegeben und ihn auf ein Geröllfeld geworfen hatte, hatte er daran gedacht, seinen Dolch zu nehmen und der Sache selbst ein Ende zu bereiten. Er war es müde, auf die Wakan zu warten. Ihr Heulen trieb ihn langsam in den Wahnsinn. Heute morgen hatte er einen Drachen gesehen, ein riesiges, silbergraues Vieh mit Fledermausschwingen, am Himmel schwebend und ihn höhnisch angrinsend. Erst nach einem heftigen Schlag ins eigene Gesicht war das Hirngespinst verschwunden. Rank sah es als ein weiteres Zeichen dafür, dass er am Ende war. Selbst im Drachenjahr gab es keine Riesenechsen, die am Himmel schwebten. Sie waren schon vor langer Zeit verschwunden, und bald würde Rank ihr Schicksal teilen. 
Als ein Stein unter seinen Stiefeln nachgab und er fiel, machte es ihm nichts mehr aus. Alles vorbei, waren seine letzten Gedanken, bevor er hart auf dem Felsboden landete und ihn die tröstliche, schmerzlose Leere umfing.

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Ein fremder, süßlicher Duft. Warmes Licht, das ihn umfing. Das war die Überwelt, sie hatte ihn aufgenommen. Er träumte, er läge auf einem harten Bett, in Felle gewickelt. Gleich würden wunderschöne, junge Frauen kommen, ihm köstliche Getränke einschenken und ihn zum Tanz bitten. Erwartungsvoll öffnete Rank die Augen.

Sein Bein schmerzte.

Er blickte ernüchtert hinunter auf das Bärenfell, das seine Füße verbarg. Vorsichtig bewegte er sich. Ja, er spürte den Hieb, den ihm der Räuber versetzt hatte, noch immer. War das die Überwelt? Auch sein Kopf fühlte sich an, als hätte er zu viel Gerstenbier getrunken. Oder einen weiteren Schlag erhalten, jetzt, wo er darüber nachdachte. Er blinzelte und richtete sich halb auf, um seine Umgebung besser zu erkennen. 
"Bleibt liegen!"
Hastige Schritte näherten sich. Das verschwommene Bild einer Frau mit langem, blonden Haar beugte sich über ihn. Sie war jung und lächelte. In den Händen trug sie eine flache Schale, die ein dunkles Gebräu enthielt. "Trinkt das", sagte sie. "Ihr seid sehr schwach. Es wird Euch stärken."
"Wer seid Ihr?" Ihr Lächeln blieb. "Später. Trinkt zuerst." Gehorsam nahm er die Schale aus ihren Händen und leerte sie mit einiger Mühe. Das Gebräu schmeckte bitter. Als er fertig war, beugte sich die junge Frau erneut über ihn. "Und nun schlaft."
"Wer seid Ihr?" Doch noch während Rank die Frage wiederholte, fühlte er, wie ihn die Müdigkeit erneut übermannte. Ihre Augen, grün wie Frühlingsgras, waren das letzte, was er sah. Dann nahm ihn der Schlaf gefangen.

Er erwachte wieder. Derselbe süße Duft, dieselbe Wärme, dasselbe Licht. Die junge Frau erhob sich von einem niedrigen Schemel, sobald er sie erblickt hatte. Sie trug eine Bluse aus grobem Leinen und einen langen Rock aus gegerbtem Leder. Diesmal sah Rank sie deutlicher. Sein Kopf tat nicht mehr weh. "Bleibt liegen", mahnte sie. "Ihr braucht Ruhe."
Rank gehorchte. "Wer seid Ihr?"
Ihr Lächeln verbreitete mehr Wärme als die dicken Felle. "Ssanefi."
Friedensstifter. Das war es, was das Wort bedeutete. Ranks Vaterbruder, der in der Hauptstadt gelebt und die kaiserliche Akademie besucht hatte, war vor langer Zeit ins Dorf zurückgekehrt. Er hatte Rank, der damals noch ein Junge gewesen war, in der Alten Sprache des Kaiserreichs unterrichtet. Rank wollte etwas sagen. Sein Magen knurrte.
"Seid Ihr hungrig?" Als er zögernd nickte, stand Ssanefi auf. "Ich werde Euch etwas zu essen bringen." Sie verließ das Zimmer und kam wenig später wieder. Die Suppe, die sie ihm brachte, schmeckte köstlich, doch er war zu schwach, um viel davon zu essen. Wortlos nahm ihm Ssanefi die halbleere Schale ab und reichte ihm eine andere, die das dunkle, bittere Gebräu enthielt. Kaum hatte Rank davon getrunken, übermannte ihn der Schlaf erneut. 

Während der nächsten Tage hütete er das Bett. Mehrmals täglich brachte Ssanefi ihm zu essen und zu trinken. Längst hatte er erkannt, dass sie Kräuter beimengte, die ihn sofort nach den Mahlzeiten schläfrig machten. Vielleicht war sie eine Hexe, doch der Gedanke beunruhigte ihn kaum. Wer würde schon einen halbtoten Fremden mitnehmen, um ihn dann zu vergiften? Und ein Lächeln wie Ssanefis konnte nicht falsch sein.
Irgendwann wachte er auf und wusste, dass das Fieber seinen Körper verlassen hatte. Noch fühlte er sich nicht allzu kräftig, aber nach einer Weile bekam er trotzdem Lust, aufzustehen. Er war lange genug im Bett gelegen. Ssanefi war nirgends zu sehen. Vorsichtig, das verletzte Bein kaum belastend, stand er auf.
Seine Kleidung lag neben dem Bett. Ssanefi hatte sie gesäubert, und Rank zog sich schnell an. Dann lauschte er, doch alles blieb still. Leise ging er zum Schrank und öffnete ihn. Kleider, die wie Ssanefis aussahen, und ein paar lederne Beutelchen. Rank öffnete zwei, die getrocknete Kräuter enthielten. Er legte sie zurück und wandte sich dem schwarzen Bärenfell zu, das den Durchgang ins Nebenzimmer verdeckte. Auch dort befand sich niemand. Ein größerer, karger Raum erwartete ihn. An der Wand gegenüber prangte ein weiteres Fell. In der Ecke hing ein eiserner Kessel über einer Feuerstelle. Rank trat näher. Wenn man genau hinsah, waren dünne, in das Eisen geritzte Linien zu erkennen, die den Umriss eines Drachen bildeten ... Erschrocken wandte Rank sich um, als sich das Fell an der Wand gegenüber bewegte. Kam jemand? Schnell, ohne nachzudenken, eilte er zum Durchgang zurück. Erst als er wieder im Bett lag, schalt er sich einen Feigling. Wahrscheinlich war es bloß ein Lufthauch gewesen.

Wenig später kam Ssanefi mit dem Essen. Sie hatte kaum die Schale abgestellt, als jemand hinter ihr ins Zimmer stürmte.
Die Fremde war ebenfalls jung, doch älter als Ssanefi. Sie hatte langes, dunkles Haar, und ihre Kleidung war schwarz wie das Gefieder eines Raben. Ohne Rank mehr als einen flüchtigen Blick zuzuwerfen, wandte sie sich an seine Pflegerin.
"Dein Gast schleicht hier herum, Schwester", begann sie in der Alten Sprache des Kaiserreichs. "Ich habe gesehen, wie er deinen Kessel bewundert hat. Wenn du schon einen Fremden hierher bringst, könntest du wenigstens auf ihn aufpassen." Die letzte Bemerkung klang spöttisch, aber es war ein verächtlicher, kalter Spott.
"Hätte ich ihn sterben lassen sollen?" fragte Ssanefi ruhig in derselben Sprache. "Und was könnte er schon finden? Wir haben nichts zu verbergen."
Die andere starrte sie an. "Bist du dumm geworden, Schwester? Du weißt, was man in den Dörfern über uns erzählt. Der Fremde muss verschwinden."
"Er ist zu schwach, Firah." Firah, das Schwert. Es musste der Name der Frau sein. Rank bemühte sich, nicht den Eindruck zu erwecken, dass er die Unterhaltung verstünde. Zum Glück achtete keine der beiden auf ihn.
"Der Weg ins Tal ist weit, und seine Kräfte reichen nicht aus. Er braucht Ruhe."
"Zum Herumschleichen ist er nicht zu schwach. Bewach’ ihn gut, oder du wirst es bereuen!"
Ssanefis Antwort kam leise, aber bestimmt. "Ich werde tun, was ich für richtig halte."
Firah schnaubte und wandte sich ab. Auf halbem Weg zum Durchgang blieb sie stehen. "Ich auch. Sei also vorsichtig, Sssssssanefi." Sie zischte das Wort wie eine Schlange und benutzte es als einen Schimpfnamen. Ssanefi schwieg, bis Firah das Fell zurückgeschlagen hatte und verschwunden war. 

"Ich muss mich für meine Schwester entschuldigen", sagte sie dann in der Neuen Sprache. "Sie ist unhöflich. Sie hält nicht viel von Gästen", fügte sie mit einem leisen Lächeln hinzu.
Rank überlegte, ob er zugeben sollte, das Gespräch verstanden zu haben. "Ist sie wirklich Eure Schwester?" fragte er statt dessen. "Sie sieht Euch nicht ähnlich."
"Wir sind wie Schwestern. Wir leben wie Schwestern, und wir streiten wie Schwestern."
Rank dachte daran, wie Firah das Wort Ssanefi ausgesprochen hatte. "Sie scheint Euren Namen nicht zu mögen."
"Sie denkt, es ist ein Name für Schwächlinge. Aber natürlich wisst Ihr nicht, was -"
"Friedensstifter." An Ssanefis Gesicht erkannte er, dass er das Wort laut ausgesprochen hatte. Im Stillen verfluchte er sich selbst und das Fieber, das wohl seinen Kopf verwirrt hatte. Zuerst beim Herumschleichen ertappt zu werden, und dann beim Lauschen - Wenn er so weitermachte, würde er sich bald draußen in der Einöde wiederfinden.

"Ihr versteht die Alte Sprache?" Zum ersten Mal war ihre Stimme kühler geworden.
"Mein Vaterbruder hat mich darin unterrichtet. Firah spricht die Wahrheit", fügte er zögernd hinzu. "Sie hat mich im Nebenzimmer gesehen. Aber ich wollte nichts Böses tun. Ich war nur neugierig."
Einen endlos langen Augenblick schwieg Ssanefi und musterte ihn, als wollte sie tief in sein Innerstes blicken. Dann, zu Ranks Erleichterung, lächelte sie wieder.
"Ich glaube Euch. Und es gibt keinen Grund, warum Ihr Euch nicht umsehen solltet. Wir haben nichts zu verbergen." 
Rank dachte, dass er besser schweigen sollte, doch die Worte kamen wie von selbst aus seinem Mund: "Was erzählt man sich in den Dörfern?"
Ssanefi sah ihn erstaunt an, bevor sie sich an Firahs Bemerkung erinnerte. Sie schwieg. "Ihr wisst nicht, wer wir sind?" fragte sie schließlich.
Rank wollte zuerst verneinen, doch dann dachte er nach. Die Zeichnung auf dem Kessel, ein ungewöhnlicher Schmuck selbst im Drachenjahr. Ssanefis Name aus der Alten Sprache und Firah, die ihn zischte wie eine Schlange. Schlange, Drache – und endlich begriff Rank, wer ihn gefunden hatte. "Ihr seid die Drachenschwestern."

Im Dorf sprach man tatsächlich von ihnen, dann, wenn die Sprache auf Drachen kam oder auf absonderliche Außenseiter. Junge Frauen, die sich Schwestern nannten und es vorzogen, in den Bergen zu leben, fernab von menschlicher Gesellschaft. Angeblich konnten sie mit den Drachen sprechen. Nur selten verließ eine von ihnen die Berge und ging ins nächste Dorf, nach Hofen, um Dinge zu kaufen, die man in der Einöde nicht herstellen konnte. Vom Schilderbauern, dessen Tochter nach Hofen geheiratet hatte, wusste Rank das wenige, was es über die Schwestern zu wissen gab. Die, die immer kam, war eine Blonde mit langen Zöpfen – es musste Ssanefi sein. Sie bezahlte mit Goldstücken; niemand wusste, woher sie die hatte, aber man stellte keine Fragen. Natürlich gab es Gerüchte darüber, was oben auf dem Berg vor sich ging. Die Schwestern trieben Hexerei, munkelte man, und in Wahrheit wären sie Elfen und dreihundert Jahre alt. Aber erzählte man sich auch über die alte Kathrein und ihren einäugigen Sohn. Beweise gab es keine. Solange die Schwestern ihre Hexenkunst nur oben auf dem Berg zeigten, kümmerte es die meisten nicht weiter. Dagegen, dass sie sich als Drachenschwestern bezeichneten, war wohl auch nichts einzuwenden. Immerhin hatte der Landesfürst selbst jedes zehnte Jahr zum Drachenjahr ernannt, zu Ehren alter Zeiten. Niemand hatte vor, sich darüber zu beschweren, solange er für das sommerliche Drachenfest jedes Mal drei fette Ochsen braten ließ. Und wer mit den Drachen zu sprechen glaubte, die es schon seit Urzeiten nicht mehr gab, der war wohl nicht ganz richtig im Kopf. Aber gefährlich? Kaum. 
"Die Dörfler halten uns für Hexen", sagte Ssanefi, die sein Schweigen deuten konnte. "Aber es ist nicht wahr. Ich weiß nur, wozu Kräuter dienen. Ich kann nicht zaubern."
"Und Firah?"
Ssanefi lachte. "Firah hat keinen Sinn für Heilkunst. Ihr wisst, was ihr Name bedeutet. Sie ist wie Kem - meine jüngste Schwester", erklärte sie. "Sie und Firah ähneln einander sehr. Sie streiten oft. Aber wir sind Schwestern", fügte sie schnell hinzu. "Auch wenn wir streiten, gehören wir zusammen."
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Ssanefi verließ das Zimmer, die leere Schale in der Hand. Nach wenigen Schritten stand Firah wie aus dem Nichts neben ihr, ein schwarzer Schatten, den die Wände ausgespuckt hatten. Man bemerkte Firah nur, wenn sie es selbst wollte. "Wo ist Kem?" fragte sie scharf. "Ich habe ihr aufgetragen, Brot zu backen, aber sie ist verschwunden."
Ein sanfter Spott schlich sich in Ssanefis Stimme ein. "Ich weiß es nicht. Ich war damit beschäftigt, meinen Fremden zu bewachen. Es ist deine Aufgabe, dich um Kem zu kümmern."
Firah warf ihr einen verächtlichen Blick zu, wandte sich um und verschwand durch einen kaum sichtbaren Durchgang.

Kem und Firah, Feuer und schwarzes Eis. Das Geschenk der Drachen, das Schwert der Drachen. Und dazwischen sie selbst, die Friedensstifterin. Ssssssssanefi. Sie hatte diese Betonung ihres Namens schon oft genug gehört. Talen, ihre Drachenmutter und Lehrmeisterin, hatte sie ob ihres freundlichen Wesens gelobt, doch Firah und Kem sahen nur Schwäche darin.
Ssanefi holte einen Leinenbeutel aus der Küche und verließ das Haus. Vor dem Tor blieb sie stehen und bewunderte die dicken Knospen des Schwarzbeerbusches, die bereits das leuchtende Gelb der Blütenblätter erahnen ließen. Damals, als sie an Talens Hand zum ersten Mal durch das Tor getreten war, hatte der süßliche Duft der Blüten sie verzaubert. Auch das war ein Drachenjahr gewesen. Der Busch hatte nie wieder geblüht, doch nun, zehn Jahre später, trug er erneut Knospen. Ssanefi war nicht überrascht.
Drachenjahre, dachte sie, während sie zu ihrer Wiese ging, um Kräuter zu sammeln. Die Dörfler glaubten, der Name hätte mit den längst vergangenen Zeiten zu tun, doch Ssanefi wusste mehr. Talen hatte sie und die anderen gelehrt, den Stimmen aus einer fernen Welt zu lauschen. Ssanefis Begabung reichte nicht an jene von Firah oder gar Kem heran, doch selbst sie hörte nachts in ihren Gedanken, wovon die Drachen sprachen. In diesem Jahr waren ihre Stimmen lauter, heftiger, drängender geworden. Die Drachen kamen zurück. Mit Hilfe der Schwestern würden sie diese Welt erreicht haben, noch bevor das Drachenjahr zu Ende ging.

Als sie ins Haus zurückkehrte und ihre Funde in den Kessel schüttete, kam Kem herein. Die jüngste Drachenschwester trug lederne Kleidung, und ihre Locken leuchteten röter als das Feuer unter Ssanefis Kessel.
"Solltest du nicht Brot backen?" fragte Ssanefi freundlich.
Kem schnaubte und ahnte kaum, wie sehr sie dabei Firah ähnelte. "Ich denke nicht daran. Das kann sie selbst tun. Lieber gehe ich und spreche mit den Drachen." Sie lächelte bei diesem Gedanken. Es gefiel Kem, dass sie die Drachensprache besser verstand als ihre Schwestern. Zumindest darin konnte sie die stolze Firah ausstechen, und sie tat es, wann immer sie konnte. "Letzte Nacht habe ich sie gehört." Ihre Augen, grün wie Ssanefis, funkelten. "Sie sind schon auf dem Weg. Und wenn sie kommen, wird alles anders werden." Ssanefi hörte nur halb zu. Kem liebte es, von den Drachen zu sprechen, und all ihre Erzählungen liefen auf dasselbe hinaus. Trotz ihrer siebzehn Jahre war sie in vielerlei Hinsicht ein Kind. 
"Ich werde mit ihnen fliegen, und sie werden mir all die fremden Länder zeigen. Das haben sie mir versprochen. Dann kann ich den Berg verlassen. Ich werde Firah nie wieder sehen müssen." Kem lachte, doch sie ließ dabei einen schnellen Blick über die Schatten an der Wand schweifen. Man wusste nie, wo die älteste Schwester auftauchen würde. Ssanefi beugte sich über den Kessel und tat, als hätte sie nichts bemerkt.
"Wann werden wir den Ruf aussenden?"
Ssanefi seufzte fast unhörbar. Immer wieder dieselbe Frage. "Die Zeit ist noch nicht reif. Sei nicht ungeduldig. Wer ungeduldig ist -"
"- muss einen hohen Preis dafür bezahlen", fuhr Kem spöttisch fort. "Aber welchen, das konnte uns Talen auch nicht sagen. Glaubst du ihr?" Als keine Antwort kam, wandte sie sich um und ging hinaus. Ssanefi sah ihr nach.
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"Ihr glaubt, die Drachen wären ausgestorben", erzählte sie Rank eines Abends, als sie ihm das Essen brachte. "Aber das ist nicht wahr. Sie sind nur in eine andere Welt gezogen. Sie werden wiederkommen."
Rank lächelte. "Das haben sie dir gesagt?"
Sie bemerkte, dass er ihr nicht glaubte. Trotzdem redete sie weiter, und er hörte zu. Sein Bein war fast verheilt, doch Ssanefi nahm die Verletzung zum Vorwand, die Abende in seinem Zimmer zu verbringen. Längst waren sie zum vertraulichen Du übergegangen. Seit Talens Tod hatte sie mit keinem Menschen außer ihren Schwestern gesprochen. Rank war angenehme Gesellschaft.
"Ich verstehe ihre Sprache nicht allzu gut", erwiderte sie. "Nicht so gut wie Firah und Kem. Aber es ist so, wie ich gesagt habe."
Etwas in ihrer Stimme ließ Rank verstummen. "Du glaubst wirklich daran", stellte er nach einer Weile fest, überrascht, dass jemand wie sie solche Gedanken hegte. "Ist es das, was du willst? Dass die Drachen zurückkehren und die Erde beherrschen?"

Ssanefi war eine Drachenschwester. Es gab nur eine Antwort. "Ja", sagte sie. "Das ist es, was wir uns wünschen."
"Warum? Sind sie besser als wir?"
Ssanefi lachte leise. Wie konnte er die uralten Herrscher vergangener Zeiten mit Menschen wie sich und ihr vergleichen? "Sie sind anders", sagte sei. "Alt und weise. Wir können sehr viel von ihnen lernen." Das war es, wovon sie träumte und woran Talen sie zu glauben gelehrt hatte: Menschen und Drachen, die zusammen in einer Welt lebten. Firah, Kem und sie nannten sich die Schwestern der Drachen, aber sie sollten nicht die einzigen bleiben. Kem hatte recht, alles würde anders werden. Auch Ssanefi sehnte den Tag herbei, an dem sie den Berg verlassen und zusammen mit ihren Brüdern die Welt erkunden würde.

In dieser Nacht war Halbmond. Wenn es etwas gab, das Ssanefi an den Bergen liebte, dann war es die Stille, die hier herrschte, sobald es dunkel wurde. Niemand lärmte und sang betrunken Lieder, wie man es in den Dörfern tat. Hier fühlte sie sich, als wäre sie das einzige lebende Wesen auf der Welt. Das einzige, was gelegentlich die Stile unterbrach, war das ferne Heulen der Wakan. Söhne der Nacht hatte Talen die Räuber liebevoll genannt.
Ssanefi sehnte sich sehr nach ihrer Drachenmutter, nach Talens Weisheit, ihren tröstlichen Geschichten, ihrem Lachen voll sanftem Spott. Talen war immer gut zu ihr gewesen. Sie hatte Ssanefi, das einsame, unverstandene Kind, hierher gebracht und gelehrt. Sie hatte ihr beigebracht, mit den Drachen zu sprechen, und Kem getadelt, wenn sich diese über Ssanefis mangelnde Begabung lustig gemacht hatte. Talen war ihre Mutter geworden, die einzige, die sie jemals gekannt hatte. Neun Jahre lang hatte sie ein Zuhause gehabt. Dann war Talen krank geworden, und ihr hohes Alter hatte sie eingeholt. Alle Heilkunst, die Ssanefi aufzuwenden vermochte, hatte ihr nicht mehr helfen können. Während der letzten Tage war Ssanefi an ihrem Bett gesessen, hatte geschwiegen und gewartet und gelauscht. Sie hatte sich anstrengen müssen, um Talens geflüsterte Worte zu hören. Die Kraft ihrer Drachenmutter hatte sich bereits dem Ende zugeneigt, doch ihre mütterliche Güte hatte sie sich bis zuletzt bewahrt.
 "Ich weiß, dass du manchmal daran denkst, den Berg zu verlassen." Talens sanftes Lächeln, frei von jedem Vorwurf. "Du glaubst an die Drachen, aber nicht so sehr, wie Kem und Firah es tun. Das macht nichts, Tochter." Ssanefi hatte nicht gewusst, was zu sagen war. "Du bist nicht wie sie. Vielleicht gehörst du wirklich nicht hierher. Aber", und hier hatte die alte Frau mit erstaunlicher Kraft den Kopf gehoben, um Ssanefi eindringlich anzublicken, "es müssen drei Schwestern sein. Vergiss das nicht. Und selbst wenn du nicht daran glauben kannst, bitte ich dich zu bleiben." Erschöpft war sie in die Kissen zurückgesunken. Eine Weile hatte sie geschwiegen.
"Du kennst deine Schwestern, Ssanefi. Firah ist stark, aber ihr fehlt das Verständnis für die Sorgen anderer. Und Kem ist ein Kind. Sie werden dich brauchen, auch wenn sie es selbst nicht begreifen. Bleib bei ihnen, Tochter."
Ssanefi hatte sie angesehen, das eingefallene Gesicht voller Runzeln, die wirren, schneeweißen Haare. Im Lauf ihrer Krankheit war Talen mager geworden. Ssanefi war geblieben, als ihre Drachenmutter eingeschlummert war, um dann plötzlich wieder die Augen zu öffnen - als wäre ihr im Traum etwas eingefallen, das noch erledigt werden musste.
"Ich habe ein Geschenk für dich, Tochter." Mühsame Worte, es hatte die alte Frau viel Kraft gekostet, sie hervorzubringen. "Für dich, Ssanefi, weil du die Heilkunst verstehen willst." Und sie hatte ihr Anweisungen gegeben, in welchem Schrank sie suchen sollte und in welcher Truhe, um die alten Schriften zu finden, aus denen Talen selbst ihre Kenntnisse erlangt hatte. Uralte Bücher waren es, mit verblichenen, mehrmals nachgezogenen Buchstaben. Talen hatte sie das Lesen gelehrt, und Ssanefi konnte die Rezepte entziffern. Es war ein kostbares Geschenk, eines, das nur sie zu würdigen wusste. Firah und Kem bedeutete solches Wissen nichts. Ssanefi war die einzige Drachenschwester, die sich jemals mit der Heilkunst beschäftigt hatte. Sie wusste nicht, was Talen den anderen hinterlassen hatte. Firah, undurchschaubar wie ein Schatten, gab nichts preis. Kem plauderte zwar vieles aus, doch auch sie hatte nie über solche Dinge gesprochen. Vielleicht gab es nichts zu sagen. Talen hatte einmal angedeutet, dass Kems außergewöhnliche Begabung Geschenk genug sei. 
Talen, Drachenmutter - mit ihr war etwas Wesentliches aus Ssanefis Leben verschwunden. Ihr Zuhause in den Bergen war kälter geworden. Seit Talens Tod war es Firah, die über ihre Schwestern herrschte. Firah war erfahren, doch sie besaß weder Talens Güte noch deren sanfte Autorität. Sie kannte keine Bitten, nur Befehle. Die wilde Kem weigerte sich, ihr zu gehorchen. Sie widersprach Firah bei jeder Gelegenheit, lief weg und ließ die Arbeit, die man ihr aufgetragen habe, im Stich. Firah bestrafte sie hart dafür, doch das änderte nichts. Ssanefi sah ihren Schwestern zu und stellte sich auf niemandes Seite. Kem war hochmütig, und ihr Temperament musste gezügelt werden, doch Geduld hätte wohl bessere Früchte getragen als Firahs kalter Stolz...
Ssanefi spürte, wie ihre Gedanken in ihrem eigenen Kopf verblassten. Sie kannte das Gefühl, und eine tiefe Freude begann sie zu erfüllen. Heute nacht würden die Drachen sprechen.
Sie hatten keine Namen, keine zumindest, die den bekannten Worten entsprochen hätten. Wie konnte etwas Menschliches diese fremden, andersartigen Wesen beschreiben? Doch die Schwestern vermochten ihre Stimmen zu unterscheiden, und die Drachen hatten ihnen gestattet, sie bei Namen zu nennen: Goldener, Schwarzer, Rubinschwinge, Sternenjäger. Kems Worte waren die phantasievollsten. Sie hatte Stunden damit verbracht, sie zu erfinden.

Sssssseid gegrüßsssst, Ssssanefi, meine Schwessster. Sie erkannte die Stimme des Schwarzen, ein tiefes, schmeichelndes Zischen. Wenn sie von ihm träumte, schwebte er majestätisch durch die Lüfte, und seine Schuppen hatten die Farbe einer vom Mond erhellten Nacht. Heute issssst eine gute Nacht, um zu reden, nicht wahr, Schwesssster? Die Wände zwischen unssserer Welt und eurer werden immer dünner. Spürsssssst du essss auch, Ssssanefi?
"Ich fühle es auch", bestätigte Ssanefi in Gedanken. "Je weiter das Drachenjahr fortschreitet, desto näher rückt die Zeit eurer Ankunft."
Wir können esssss kaum erwarten, Schwesssster. Zögert nicht länger, unsssss zu rufen.
"Bald wird die Zeit reif sein", versprach Ssanefi ihm. "Das Drachenjahr neigt sich seinem Höhepunkt zu. Der Schwarzbeerbusch trägt bereits Knospen, das ist ein sicheres Zeichen." 
Meine Brüder ssssehnen ssssich nach der Welt. Sssssie werden ungeduldig. Auch ich will nicht länger warten. Mit jedem Augenblick, der verstreicht, wächssssst meine Sssssehnssssucht.
"Es dauert nicht mehr lange. Bald werden wir bereit sein, den Ruf auszusenden. Und dann -"
Wir warten, Schwesssssstern.Wir haben Vertrauen in euch. Lasssst uns nicht im Stich.

Der Drache verstummte, und Ssanefi spürte, wie er sich aus ihren Gedanken zurückzog. Bald, sehr bald, würde es keine nächtlichen Gespräche mehr geben. Die Drachen würden hier sein, um mit ihr und den anderen zu leben. Ssanefi schlief ein, und in dieser Nacht träumte sie davon, wie sie mit ihren Brüdern flog und ferne Länder sah. Der Schwarze trug sie auf seinem Rücken und wandte im Flug den Kopf, um sich nach ihr umzublicken. Sein glänzender, geschuppter Kopf schimmerte im Mondlicht wie ein glänzender Spiegel.

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"Kem ist ungehorsam." Firah, in ihrem schwarzen Mantel kaum mehr als ein Schatten im Korridor, schnaubte. "Das dumme Kind schleicht herum und glaubt, ich würde sie nicht sehen. Gestern war sie im Drachensaal und hat eine Truhe mit alten Schriften durchwühlt. Rede du mit ihr", verlangte Firah. "Auf mich hört sie nicht."
Ssanefi verbiss sich ein "Warum wohl". Sie sah ihre Schwester an und musste fast lächeln. Als Friedensstifterin ergriff Ssanefi niemals Partei und zog keine Schwester der anderen vor, doch insgeheim wusste sie, dass sie Firah lieber mochte als Kem. Firah war stolz, kriegerisch, befehlsgewohnt, aber nicht hochmütig. Sie befolgte ihre eigenen Regeln und nutzte ihre Macht nie, um sich Vorteile zu verschaffen. Kem war ein selbstsüchtiges Kind, Firah eine erwachsene Frau. Sie war älter als Ssanefi, aber ihr wahres Alter kannte niemand. Es schien, als wäre sie schon immer hier gewesen. Sie gehörte zum Volk der Thikh, dem die Jahre wenig anhaben konnten. Vielleicht war sie sogar älter, als Talen es gewesen war, doch darüber sprach sie nie.

Ssanefi machte sich ihre eigenen Gedanken, als sie den Weg zu Kems Zimmer einschlug. Firah hatte nicht gesagt, wonach Kem gesucht hatte. Vielleicht wusste sie es nicht, doch Ssanefi ahnte, was geschehen war. Kem wollte nicht warten, bis die Schwestern den Ruf aussenden würden. Wahrscheinlich hatte sie gehofft, das Ritual allein durchführen zu können, und in Talens alten Büchern nach Hinweisen gesucht. "Ein dummes Kind" hatte Firah sie genannt, und Ssanefi war geneigt, ihr zuzustimmen. Wenn Kem glaubte, dass Firah die Schriften über das Ritual an frei zugänglichen Orten aufbewahren würde, dann war sie tatsächlich dumm.

"Was hast du gestern im Drachensaal gesucht?"
Kem sah von einer Zeichnung auf, an der sie arbeitete. Ssanefi blieb im Durchgang stehen, nicht gewillt, das Zimmer ihrer Schwester ohne deren Zustimmung zu betreten. Kem legte die Feder zur Seite. Es war nicht schwierig zu erraten, was sie abgebildet hatte. An der Wand hingen Dutzende von Zeichnungen, die alle Drachen zeigten.
"Nichts", verneinte sie etwas zu hastig, fasste sich dann. Ihre Stimme schlug in Ärger um. "Hat Firah mich beobachtet, oder spionierst auch du mir nach?"
"Niemand spioniert dir nach", erwiderte Ssanefi sanft. "Firah ist unsere Anführerin. Sie hat das Recht", sie zögerte. Das Recht, alles zu wissen, hatte sie sagen wollen, aber sie war nicht sicher, ob es der Wahrheit entsprach. "Sie hat gesehen, dass du die alten Schriften gelesen hast. Wonach hast du gesucht?"
"Das geht dich nichts an!" Ihr smaragdener Blick traf Ssanefis, doch diese wich nicht zurück. Was immer zwischen ihnen stand, Kem und sie hatten die gleichen Augen. Sie würde sich nicht einschüchtern lassen. Nach kurzer Zeit beruhigte sich die jüngste Schwester. "Die dummen Bücher interessieren mich nicht", behauptete sie. "Ich habe nur ein altes Gedicht gesucht. Über Drachen. Ich habe es vor langer Zeit gelesen und wollte es wiederfinden." Ihre Laune besserte sich wieder, wie immer, wenn die Sprache auf Drachen kam. "Der Drache, er wacht in der endlosen Stille -" begann sie zu zitieren, um dann abzubrechen: "Ich kann mich nur an den Anfang erinnern."
"Dann hast du es nicht gefunden?" Kem schüttelte den Kopf.
"Es ist verboten, den Drachensaal zu betreten", mahnte Ssanefi. "Aber Firah kann dir vielleicht helfen. Sie kennt viele der Schriften."
Kems Schulterzucken machte deutlich, dass sie Firah niemals fragen würde. Ssanefi hatte nichts anderes erwartet. Kem beugte sich wieder über ihre Zeichnung, und ihrer Schwester blieb nichts übrig, als sich zurückzuziehen.
Es schien, als wäre Firah diesmal zu wachsam gewesen. Ein Verbot zu missachten, nur um ein Gedicht über Drachen suchen zu können, das klang wirklich nach Kem. Doch vielleicht spielte sie Ssanefi auch etwas vor. Sie hatte genügend Zeit gehabt, um sich eine Geschichte zurechzulegen, und sie konnte sehr überzeugend lügen, wenn sie wollte.
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Kem blieb reglos sitzen, bis Ssanefis Schritte sich entfernt hatten. Erst dann stand sie auf, schlich zur Tür, warf einen schnellen Blick in die Schatten ringsum und öffnete, als alles still war, ihren Schrank. Tief hinter allem anderen befand sich ein altes, verblichenes Buch.
Brave, arglose Ssanefi! Ein Glück, dass Firah sie geschickt hatte, anstatt selbst zu kommen. Die schwarzen Augen waren schwieriger zu täuschen, als selbst Talens es gewesen waren, aber auch sie sahen nicht alles. Natürlich war dieses Buch nicht im Drachensaal gewesen. Als Kem beim Durchwühlen der Truhe eine Bewegung am Eingang erhascht hatte, hatte sie begriffen: Die wichtigsten Schriften befanden sich in Firahs Obhut. Dort galt es zu suchen. Heute morgen hatte sie sich, eine günstige Gelegenheit ausnutzend, ins Zimmer der Schwester gewagt. Sie hatte sich nicht lange aufgehalten, hatte ständig aufgeblickt und auf die leisesten Schritte gelauscht, doch sie hatte das Buch gefunden.
Und es war kein Wunder, dass die anderen es ihr nie gezeigt hatten. Da drin befand sich die Anweisung, wie man Drachen rufen konnte. Allein. Zwar nur einen, aber Drachen hatten ihre eigene Magie, und ihr Auserwählter würde ihr helfen, seine Brüder zu holen. Ja, sie allein würde die Drachen in diese Welt bringen! Was brauchte sie ihre Schwestern, die sie wie ein kleines Kind behandelten? Sie war die Begabte, ihr standen alle Wege offen. 

Welchen sie wohl rufen sollte?

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Es war ein milder Abend, wenige Tage danach. Ssanefi und Rank saßen unter dem Schwarzbeerbusch am Tor, dessen gelbe Blüten bereits aufgesprungen waren und ihren süßen Duft entfalteten. Ranks Bein war fast geheilt, und bald würde er sich auf den Weg ins Tal machen. Ssanefi hatte eine Schüssel vor sich stehen und rieb getrocknete Nesselblätter zu einem feinen Pulver, während sie Rank zuhörte. Die letzten Sonnenstrahlen versanken hinter den fernen Bergen, doch ihre Wärme blieb. 
"- und fand das Zicklein, und als ich heimkam, wandte meine Mutter nicht einmal den Blick und sagte nur -" Rank brach ab, als in der Ferne ein Donnergrollen zu hören war. "Sollten wir nach drinnen gehen?"
Ssanefi blickte prüfend in den Abendhimmel. Kein Wölkchen verdeckte die Sterne und den Vollmond, der bereits deutlich zu erkennen war. Sie schüttelte den Kopf.
"- und sagte nur: Dass du auch immer den langen und beschwerlichen Weg zur Hütte nehmen musst, wir waren doch schon vor Stunden -" Ein weiteres Grollen, lauter und drohender, und es klang viel näher. Rank brach erneut ab. Ssanefi nahm ihre Schüssel auf und lauschte.
Als das Geräusch wiederkehrte, schien das Gewitter direkt über ihnen zu sein, doch noch immer zeigte sich nicht die kleinste Wolke. Im nächsten Moment zuckten grelle Blitze über den Abendhimmel. Rank sah besorgt auf eine blasse Ssanefi. "Etwas ist nicht in Ordnung", murmelte sie. "Das ist kein gewöhnliches Unwetter. Lass uns ins Haus gehen." Sie stand auf, wollte noch etwas sagen, doch ein weiterer Donnerschlag verschluckte ihre Worte. Fasziniert folgte Ranks Blick einen besonders grellen Blitz, der durch das schwarze Samttuch des Himmels schnitt - und es aufriss.

Rank fand kein besseres Wort dafür. Etwas brach hervor, ein Gemisch aus Schatten und Nacht schien sich aus dem Himmel zu ergießen, verfestigte und formte sich dann langsam zu einer Gestalt. Auch Ssanefi blickte fassungslos nach oben. Als die Verwandlung beendet war, schwebte inmitten des Abendhimmels ein riesiger, schwarzer Drache.
Sein gewaltiger, geschuppter Leib war kohlschwarz, doch er glänzte wie das Gefieder eines Raben. Einige Augenblicke lang verharrte der Drache wie gemalt, dann begann er sich zu bewegen. Die mächtigen Klauen aus poliertem Silber zuckten auf der Suche nach Beute hin und her. Der Echsenkopf am Ende des langen, mit Stacheln besetzten Halses peitschte durch den Himmel, und das riesige Maul öffnete sich und gab den Blick auf unzählige Reihen nadelscharfer, silberner Zähne frei. Der Drache schrie, ein grausamer, unmenschlicher Laut. So hätte Feuer geklungen, wenn es zu sprechen vermocht hätte. Rank hatte nie etwas Vergleichbares gehört. Ssanefi neben ihm ergriff seinen Arm. "Wir müssen ins Haus", flüsterte sie. "Lauf!"

Kem hatte gelogen. Sie hatte Talens Buch über den Ruf der Drachen gestohlen, und dann hatte sie dieses Wissen benutzt, um den Schwarzen zu holen. Ssanefi erkannte ihn wieder, oft genug hatte sie ihn in ihrem Kopf gespürt, doch ihre Vorstellung von ihm war falsch gewesen. Diese düstere, drohende Gestalt weckte Unbehagen und Angst in ihr.

Sie rannten über den Hof, erreichten die Eingangstür, hasteten hinein und schlugen sie von innen zu. Hinter ihnen schrie der Drache erneut. Ssanefi blieb kurz stehen, um eine Lampe zu entzünden, dann lief sie weiter. Rank folgte ihr mit Mühe. Das schwache Licht leuchtete nur wenige Schritte voraus. "Wohin gehen wir?" keuchte er.
"Zum Drachensaal." Ssanefi warf ihm über die Schulter hinweg einen Blick zu. "Bleib’ zurück", bat sie ihn. "Du musst dein Bein schonen."
Rank schüttelte den Kopf und folgte ihr weiterhin. Sie erreichten das Ende eines Korridors und eine hohe Tür, deren Flügel metallisch glänzten. Sie war verschlossen. Ssanefi lief darauf zu, doch auf halbem Wege kam ihr jemand zuvor. Rank erhaschte einen Blick auf Firahs Gesicht, das unzweifelhaft wütend aussah. Sie riss die Tür auf und stürmte in den Saal. Ssanefi und Rank folgten.

Drei flackernde Kerzen gaben genügend Licht, um die Umgebung schemenhaft erkennen zu können. Ein großer Saal, die Wände reich mit Schnitzereien verziert. Drachenbilder. Truhen aus uraltem Holz. Kem lag zwischen den Kerzen, reglos, zusammengekauert wie ein Neugeborenes. Ein dünnes Buch mit ledernem Einband war ihren schlaffen Händen entfallen.

Firah blieb stehen, und Ssanefi lief an ihr vorbei, kniete sich neben die jüngste Schwester. "Sie atmet", sagte sie leise, nachdem ihre Hände über Hals, Gesicht und Handgelenke geglitten waren. Kem stieß einen wimmernden Laut aus, ohne die Augen zu öffnen. "Sie lebt."
Firah hob das Buch vom Boden auf und ließ es in den Tiefen ihres schwarzen Mantels verschwinden. "Dieses dumme Kind", murmelte sie verächtlich. "Hat sie denn alles vergessen, was man sie gelernt hat?" Sie sah verärgert aus, doch irgendwie verstand Rank, dass hinter diesen Worten vor allem Sorge steckte. Ssanefi sah auf: "Hilf’ mir, sie in ihr Zimmer zu bringen."

Ssanefi deckte ihre jüngste Schwester zu, strich sanft über Kems rote Locken. "Schlaf’ gut", murmelte sie. Dann fiel ihr Blick auf Rank. "Bleib’ bei ihr", bat sie. "Sag’ uns Bescheid, wenn sie aufwacht." Rank nickte zögernd. Ssanefi lächelte ihm zu, sah dann Firah an. Die älteste Schwester griff nach einer Lampe und verließ das Zimmer. Ssanefi eilte ihr nach. Sie gingen zurück zur Eingangstür. Als Firah die Türflügel aufstieß, schien es Ssanefi, als sei die Nacht deutlich kälter geworden. Der Schwarze hing am Himmel wie eine riesige, drohende Wolke. Der Vollmond verbreitete einen milden Schein über dem Hof und ließ die Drachenschuppen glänzen, als wären sie mit Fett eingerieben. Der Schwarze senkte seinen Echsenkopf zu den beiden Frauen hinab, sobald sie in den Hof hinaus traten.
Ssssseid gegrüßsssst, Firah und Ssssssanefi. Die höhnischen Worte, die sich in ihren Gedanken bildeten, hatten nichts mehr mit der schmeichelnden Drachenstimme von früher gemein. Ssanefis Blick schweifte über den Schuppenleib und die gewaltigen Klauen, blieb schließlich an den silbernen Augen hängen, in denen nur Hochmut und Verachtung zu lesen waren. Ein Drache, der so aussah wie dieser, konnte nicht gut sein. Instinktiv wusste sie, dass das, was er den Schwestern in langen Nächten erzählt und versprochen hatte, Lügen gewesen waren. Alles an diesem Drachen sagte: Ich hasse die Menschen. Ich werde sie vernichten. Obwohl sie es bereits ahnte, ließen seine nächsten Worte sie schaudern.
Ihr Menschen ssssseid ja ssssso dumm! Es war ein Kinderspiel, eure Schwessssster zu überreden, damit ssssie mir den Weg öffnen würde. Nun bin ich hier, und meine Brüder werden folgen. Bald werden wir alssss die rechtmäßsssssigen Herren über diessssse Welt herrschen! Der Schwarze ließ seine gespaltene Zunge in Richtung der Frauen schnellen. Und ihr sssssseid nutzlosssss, Drachenschwesssssstern. Wir brauchen euch nicht mehr.

"Was hast du mit Kem gemacht?" fragte Ssanefi laut.
Mit der Kleinen? Sssssssie schläft, höhnte der Drache. Aber bald wird sssssie sterben, sssso wie ihr sterben werdet. Er schlug ein einziges Mal mit den Schwingen, und ein mächtiger Windstoß ließ Ssanefi taumeln. Firah stand wie ein Fels. Nach wenigen Augenblicken wandte sie sich um und ging ins Haus zurück. Ssanefi folgte ihr, froh, dem Drachen für den Moment entkommen zu können. Doch wohin sollten sie gehen, um ihm zu entfliehen? Er würde ihnen überallhin folgen, und nicht nur sie waren in Gefahr. Wenn es ihm gelänge, seine Brüder zu rufen, stünden die ahnungslosen Menschen unversehens einer gewaltigen, zornerfüllten Armee gegenüber.

"Was sollen wir tun?" Ssanefi hatte Mühe, mit Firah Schritt zu halten. Ihre Schwester stürmte die Gänge entlang, ohne auf sie zu achten. "Können wir Kems Tat ungeschehen machen?" Firah schnaubte verächtlich und schüttelte den Kopf, ohne langsamer zu werden. Ssanefi folgte ihr bis zu Firahs eigenen Zimmer, einer kleinen Kammer voller Schatten, die selbst das Licht der Öllampe kaum zu erhellen schien. In der Tür blieb sie stehen. Sie hatte es noch nie gewagt, Firahs Reich zu betreten.
Firah achtete nicht auf sie. Sie ging zum Schrank, lehnte sich mit der Schulter dagegen und rückte ihn ein wenig zur Seite. Dahinter konnte Ssanefi ein Loch in der Mauer erkennen, in dem ein in Decken gewickeltes Bündel lag. Firah breitete es auf dem Bett aus. Ein paar Bücher warf sie achtlos zur Seite, griff nach etwas Länglichem und entrollte den Fetzen Stoff, der es schützte.

Es war ein Schwert. Die Jahrzehnte hatten seine Klinge abgewetzt und schartig, den smaragdverzierten Griff abgegriffen und schäbig hinterlassen. Das Schwert war halb so groß wie Firah, und in der Mitte der Klinge befand sich ein sorgfältig eingeritzter Drachenkopf.
Ssanefi kannte es aus Erzählungen: das Drachenschwert, die uralte Waffe aus den Legenden, die als längst verschollen galt. Jetzt wusste sie, welches Geschenk Talen der ältesten Schwester hinterlassen hatte. 

Firah nahm das Schwert in die Hand, wandte sich um und verließ das Zimmer, ohne Ssanefi eines Blickes zu würdigen. Ihr schwarzer Mantel wehte den Korridor entlang wie eine Fahne. Ssanefi lief hinterher, erreichte das Tor zum Hof gerade, als Firah hinaustrat. Der Schwarze wartete. Firah trat nach draußen und ging in die Mitte des Platzes. Dort hob sie den Kopf und zückte in einer schnellen, geübten Bewegung das Schwert. "Du weißt, was das ist", sagte sie laut. "Es wird dich zwingen, unsere Welt zu verlassen."

Der Drache schnaubte, doch zum ersten Mal konnte Ssanefi einen Hauch von Unsicherheit in seiner Gedankenstimme erkennen. Woher hasssst du diessssesss Schwert? wollte er wissen. Du bissssst nicht sssseine Hüterin. Du hassssst essssss gestohlen, Drachenschwesssster.

"Die Hüterin ist tot", erwiderte Firah kalt. Ihr Blick verharrte inmitten der silberglänzenden Drachenaugen. Ssanefi, die am Tor stand, hörte Schritte und sah Rank durch die kleine Seitentür kommen, gefolgt von einer taumelnden Kem. Die jüngste Schwester stürzte an ihm vorbei auf den Hof und wäre gefallen, wenn Rank sie nicht gehalten hätte. Er führte sie zur Wand, an die sie sich lehnte. Er sah besorgt aus. Firah hatte sich keinen Augenblick lang umgewandt. Sie stand da wie eine Statue, das Schwert erhoben. Das einzige, was sich bewegte, war der flatternde Saum ihres Mantels.

Der Drache schnaubte erneut. Du wirsssst als erssssste sterben!
Firah senkte das Schwert und wartete. Der Drache schlug einmal mit den Schwingen und flog auf sie zu. Sein massiger, geschuppter Körper ließ sie lächerlich klein aussehen. Scheinbar gelangweilt näherte sich der Schwarze. Plötzlich jedoch peitschte sein langer Hals nach vorn, schnellte der Echsenkopf mit dem weit geöffneten Maul auf Firah zu, bereit zum tödlichen Biss.
Firah erwachte aus ihrer Starre und rannte los. Der Schwarze schnaubte erbost, als sie unter seinem Körper, der noch immer eine Mannshöhe über dem Boden schwebte, Deckung suchte. Noch bevor sie ihn erreicht hatte, hob sie das Schwert, und als sie unter ihm war, schnitt sie damit bei jedem Schritt tief in seine geschuppte Haut. Der Schwarze schrie. Gelbliches Blut spritzte über Firahs Haare und Mantel.
Der Schwarze wandte sich und bog den stachelbewehrten Hals, um die Gegnerin sehen zu können. Seine riesigen, silbernen Klauen versuchten nach ihr zu schnappen. Firah entkam ihnen mit einer Mühelosigkeit, die Ssanefi überraschte. Eine Kralle verfing sich in ihrem Mantel und riss den Ärmel ab, doch Firah wich zur Seite. Sie lief einige Schritte, hob das Schwert erneut, hielt es diesmal in beiden Händen –
"Firah, nein!" 
- ohne auf Kems Warnung zu achten, stieß Firah das Drachenschwert nach oben, zwischen den Schuppen hindurch und dem Schwarzen mitten ins Herz. Ein letztes Mal brüllte er. Sein zornerfüllter Laut durchdrang den Nachthimmel, erschuf ein Donnergrollen und einen Riss, und als sich dieser schloss, war auch der Drache verschwunden. 

Im selben Moment stieß Kem einen entsetzten Schrei aus, stürzte und fiel hart zu Boden.

Firah richtete sich auf, wandte sich dann abrupt um und blickte in Kems Richtung. Ssanefi lief bereits auf die jüngste Schwester zu. "Nein", sagte Firah laut. Sie taumelte von der Anstrengung des Stoßes, stützte sich schwer auf das Drachenschwert und richtete sich langsam wieder auf. Als sie die anderen erreicht hatte, kniete Ssanefi am Boden und strich sanft über Kems Augen. Rank stand daneben, einen Ausdruck des Entsetzens im Gesicht.
In Kems Brust klaffte eine blutige Wunde, als hätte ihr jemand ein Schwert durchs Herz  gerammt.

"Nein", sagte Firah erneut. Ssanefi sah auf. Ihr Gesichtsausdruck sprach Bände. "Sie ist tot", flüsterte sie, als sie sich aufrichtete und nach Firahs Hand griff, die noch immer das Schwert umklammerte. "Es tut mir leid."
Sie hatte Firah noch nie so hilflos gesehen. Kem lag reglos da, und Firahs Blick schweifte unentwegt von ihrem Gesicht zu der blutigen Wunde in ihrer Brust, immer wieder hin und zurück. Nach einer Weile ergriff Ssanefi sanft ihren Arm und führte sie weg. Der vom Mond erhellte Hof lag ruhig da, als wäre nie etwas geschehen.
Firah wehrte sich nicht. Erst als sie wieder in der Mitte des Platzes stand, schüttelte sie Ssanefis Arm ab. Sie betrachtete das Drachenschwert in ihrer Hand, reichte es dann ihrer Schwester. "Nimm du es. Du wirst seine Hüterin sein."

Ssanefi schwieg und bewegte sich nicht. Schließlich schüttelte sie den Kopf. "Es gehört dir, Firah." Sie betonte die Bedeutung des Namens. Schwert der Drachen. Drachenschwert. Talen hatte alles von Anfang an geahnt. 
"Talen wollte, dass du es hast. Ich - ich hätte nicht tun können, was du getan hast. Der Schwarze hätte uns alle getötet, und viele andere Menschen dazu." Sie blickte in die undurchdringlichen, dunklen Augen ihrer Schwester. "Kem wäre auf jeden Fall gestorben", fügte sie leise hinzu. 
Das Geschenk der Drachen, selbstsüchtig, wild und unglaublich begabt. Ein dummes Kind hatte Firah sie genannt, genau das war sie auch gewesen, und es hatte sie getötet. Aber wer hatte mit siebzehn nicht das Recht, ein dummes Kind zu sein? "Du hättest nichts tun können, um sie zu retten." Es waren ihre eigene Unvernunft und der Schwarze gewesen, die Kem getötet hatten, nicht das Schwert, das Firah in der Hand hielt. Doch Ssanefi sah Firah an und dachte, dass ihre Schwester sehr lange brauchen würde, um diese Wahrheit zu begreifen.

Firah schwieg. Schließlich senkte sie die Hand, blickte auf die Klinge. Sehr langsam ließ sie das Schwert wieder unter ihrem Mantel verschwinden. Gelbes Drachenblut klebte daran, sonst nichts. Sie blickte über den mondhellen Hof zum Eingangstor, hinter dem sich die nächtlichen Berge befanden. "Ich werde fortgehen", sagte sie.
Ssanefi nickte stumm. Sie wollte sagen: Warte bis zum Morgen. Sie wollte sagen: Du wirst mir fehlen, Schwester. Doch sie brachte keinen Laut hervor. Es gab nichts, was sie ändern konnte. Sie sah zu, wie Firah sich umwandte, das Haus betrat und wenig später mit einem Bündel zurückkam. Sah ihr zu, wie sie zu Kem ging, einen letzten Blick auf die tote Schwester warf, sich dann abwandte und zum Tor marschierte. Sah ihr zu, wie sie den Hof und den Drachenberg verließ, ein Abschied für immer. Als sie draußen war, streckte Ssanefi die Hand aus. Firah wandte sich nicht um.

Irgendwann trat Rank an ihre Seite und legte den Arm um ihre Schulter. Ssanefi wandte sich ihm zu. Ihr war nach Weinen zumute, doch keine Tränen kamen. Gemeinsam gingen sie zu Kem zurück und ließen sich neben ihr auf dem Boden nieder. Rank hatte seine Jacke über ihren Oberkörper gebreitet, und sie schien zu schlafen.
Ssanefi streichelte die roten Haare und horchte in sich hinein. Tief in ihrem Inneren war eine Leere, die sie selbst bei Talens Tod nicht gefühlt hatte. Das Band in die andere Welt war gebrochen. Die Drachen würden nie wieder zu ihr sprechen. Sie konnte nicht sagen, ob der Gedanke sie mit Trauer oder mit Erleichterung füllte. "Ich werde mit dir ins Tal gehen", sagte sie.
"Ich weiß." Rank griff nach ihrer Hand. Erst jetzt sah sie ihn an. Er lächelte ihr zu.
Ssanefi hielt ihn fest. Seine Finger fühlten sich warm an, stark und lebendig.

Am nächsten Morgen gingen sie gemeinsam zum Tor. Ssanefis Augen suchten die Berge nach einer einsamen, schwarzgekleideten Gestalt ab, doch Firah war verschwunden. Als sie sich abwandte, fiel ihr Blick auf den Schwarzbeerbusch, der all seine leuchtend gelbe Pracht verloren hatte. Vertrocknet und bräunlich lagen die Blüten auf der Erde. Noch ließ der erste Frost auf sich warten, doch das Drachenjahr war vorbei.

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In einer anderen Welt schlüpfte ein winziger, feuerroter Drache aus seinem Ei, hob den Kopf und blickte sich neugierig um. Die Umgebung wirkte fremd, doch gleichzeitig sehr vertraut. Ein Schwarm riesiger, geflügelter Wesen schwebte über den Himmel: goldene, grüne, ein schwarzer mit silberner Stachelmähne. Der kleine Drache schnaubte begeistert.
Kem war zu Hause.
 

© Barbara Schinko
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