Die Botin aus Nadula von Barbara Schinko

Als der Entdecker William Delaney in das ferne Land Nadula kam, wurde er von gar seltsamen Wesen empfangen. Seinen Freunden erzählte er später von wunderschönen Frauen mit flammend rotem Haar, spiegelnden Schuppen, Stachelmähnen und ledrigen Schwingen. Alle lachten und sagten, er habe auf seiner Reise wohl ein neues Rauschkraut gefunden und darüber den Verstand verloren. Aus der Traumwelt gerissen und als Narr bemitleidet, vergeudete er den Rest seines Lebens mit der Suche nach dem Rückweg, ohne ihn je zu finden.

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Cindy lehnte sich über die Theke, schnippte Asche in ihr Bierglas und beobachtete missmutig das Häufchen Gäste, das zu später Stunde Eddie’s Bar mit seiner Anwesenheit beehrte. Ihr Boss - der Edison hieß und alle verdrosch, die ihn so nannten - erhob sich schwerfällig von seinem Stuhl und trat neben sie. Sein Saufkumpan und Stammgast, Dido, stierte ungerührt ins leere Glas. Eddie zog Cindy an sich heran und küsste sie. Er stank noch mehr nach Bier als sonst, aber sie ließ ihn machen. Zumindest schlug er sie nicht wie Rostov, wenn der miese Laune hatte. Trotzdem war sie froh, dass heute Mittwoch war und seine Frau daheim wartete, so dass sie nicht mit ihm kommen musste.
Die Tür ging auf und jemand taumelte herein. "Na, was is’n das für ein Junkie", knurrte Eddie. Es war ein Mädchen, das sich gegen die Tür lehnte, um nicht zu fallen. "Ich mach’ das schon", sagte Cindy rasch, ließ den Zigarettenstummel ins Glas fallen und trat hinter der Theke hervor.
Die Fremde hatte die Tür geschlossen, als Cindy sie erreichte, und der verwirrte Blick gab Eddies Beobachtung recht. Sie trug Stiefel und eine Lederjacke und schlang trotz der Hitze in der Bar die Arme um sich. "Tut mir leid, wir schließen gerade", sagte Cindy energisch und wollte die Tür wieder öffnen, doch das Mädchen drückte sich dagegen. "Ich muss - mit Ihnen - sprechen", stieß es hervor.
Cindy war kein Schwergewicht, aber immer noch doppelt so breit wie die magere Fremde, und es gelang ihr ohne große Mühe, sie nach draußen zu bugsieren. "Die Wärmestube ist beim Bahnhof", fügte sie hinzu und wies ihr die Richtung. Ein andermal hätte sie ihr vielleicht einen Kaffee ausgegeben, aber sicher nicht, wenn Eddie so eine Laune hatte. Er hasste es, wenn man sein Geld verschwendete. Sie schlug die Tür zu und setzte ein möglichst heiteres Lächeln auf, als sie zu ihm zurück ging. Bis zur Sperrstunde hatte sie das Mädchen schon vergessen.

Es war eine laue Nacht, und sie schlug Eddies halbherziges Angebot, sie abzusetzen, aus. Es waren immer noch Leute unterwegs, sie hatte den Pfefferspray griffbereit und zudem lag ihre Wohnung nur ein paar Straßen entfernt. Die untere Tür war wieder ’mal unversperrt, obwohl das der Hausordnung widersprach. Keuchend und ihr Alter deutlich spürend kam sie schließlich im vierten Stock an, sperrte auf, sicherte die Kette, zog die Schuhe aus und wollte gerade die Jacke aufhängen, als es klopfte. Sie zögerte. "Wer da?" Keine Antwort. Sie ging zur Tür und öffnete sie, so weit die Kette es zuließ.
Draußen stand das Junkie-Mädchen. Es musste vor der Bar gewartet haben, um ihr nach Hause zu folgen. "Bei mir gibt’s keine Drogen zu holen." Sie wollte die Tür zuschlagen und überlegte schon, die Polizei - oder Eddie - zu rufen. "Bitte", warf das Mädchen rasch und drängend ein. "Ich benutze kein Rauschkraut, Cindy Delaney. Ich muss mit Euch sprechen."
Cindy Delaney. Nicht C. Rostov, wie das Türschild behauptete. Sie hielt inne und musterte das Mädchen zum ersten Mal genauer. In den Augen, hinter all der Verwirrung, lag eine feste Entschlossenheit. Cindy spähte nach draußen, doch niemand sonst war da, und das Mädchen schien keine Waffe zu haben. "Bitte", wiederholte es.
Cindy enthakte die Kette. "Nur damit du es weißt", sagte sie, "bei mir gibt’s wirklich nichts, was einen Raub lohnen würde."
Die Fremde überhörte die Bemerkung. Cindy schloss hinter ihr ab. Das Mädchen trat einige Schritte in die Wohnung hinein, sah sich um und blieb unsicher stehen. Cindy seufzte und wies den Weg ins Wohnschlafzimmer. Sie selbst setzte sich auf die Couch, das Telefon griffbereit neben sich. Dem Mädchen blieb der einzige Stuhl. "Also", fragte Cindy. "Woher kennst du meinen Namen?"
"Aus den Büchern und dem Spiegel", murmelte die Fremde. Cindys Hand war schon auf dem Hörer. Die Blicke des Mädchens flogen hin und her; es setzte sich aufrecht hin, hatte jedoch weiterhin die Arme um sich geschlungen. "Mein Name ist Ismen", begann es hastig. "Ich komme von Nadula."
Wäre Cindy nicht schon gesessen, hätte man sie vom Boden aufheben müssen. "Raus hier", verlangte sie, als sie sich wieder gefasst hatte. "Ich weiß nicht, was für ein Scherz das ist, aber es reicht. Nadula war die Spinnerei eines armen Irren. Ich will nichts davon hören."
Mit einer Gewandtheit, die ihr kränkliches Aussehen Lügen strafte, sprang Ismen auf. "Ich spreche die Wahrheit, ich schwöre es bei den Büchern! Hier!" Sie nestelte unter der Jacke und brachte einen Lederbeutel an einer Schnur zum Vorschein. Zögernd nahm Cindy ihn entgegen und entknotete die Schnur. Der Beutel enthielt einen Ring - und nicht irgend einen.
Ein Drache mit nach rechts gewandtem Kopf, über zwei gekreuzten Schwertern. Der Siegelring trug das Wappen der Delaneys. Jetzt waren es Cindys Finger, die zitterten. Langsam sank Ismen auf ihren Stuhl zurück. "Er gehört mir nicht", sagte sie, als Cindy ihr den Ring zurückgeben wollte. "Er gehörte William Delaney."
Sie hatte Cindys Kopf mit ein paar Worten in schlimmere Verwirrung gestürzt, als selbst Rostov es je geschafft hatte. Konnte es sein, dass Nadula existierte? Das fabelhafte Land der rothaarigen Drachenfrauen... Sie blickte Ismen an und sah deutlicher als zuvor die eiserne Entschlossenheit hinter dem schmalen, blassen Gesicht. "Ihr kennt die Geschichte", stellte das Mädchen fest. "Ihr wisst von den Dragusen."
"Den Frauen, die sich in Drachen verwandeln?" Cindy nickte. Sie versuchte zu lachen, als sie das sagte, doch bei Ismens Anblick verging es ihr.
"Sie sind entsetzlich", sagte Ismen leise und ruhig, ihr Tonfall aber ließ Cindy schaudern. Sie glaubte nicht, jemals zuvor in ihrem Leben auf wahren Hass gestoßen zu sein. Hier lag er. "Sie beherrschen das Land und leben in Reichtum, während das Volk vor Hunger stirbt. Sie hassen die Frauen und alle Männer außer ihren eigenen. In einem Jahr töten sie Tausende, grundlos, sie reißen uns wie das Vieh." Ihre Stimme war mit jedem Wort kälter geworden, doch jetzt brach sie ab und Erschöpfung stahl sich auf ihr Gesicht. Sie sank auf dem unbequemen Stuhl zusammen wie jemand, der eine sehr lange Reise hinter sich hatte. Was wohl auch zutraf.
"Ich dachte", erwiderte Cindy langsam, "dass die Drachenfrauen wunderschön und herrlich wären. So hat William sie beschrieben."
Ismen lachte auf eine höchst beunruhigende Weise. "Wunderschön? Das mag sein. Sie haben ihn bezaubert. Er sah nie das Land, sah nur ihren Palast und all die Pracht darin." Dann fiel sie in die Erschöpfung zurück, und Cindy fragte endlich: "Und was willst du von mir?"
Ismen zögerte. "Alle dreihundert Jahre", sagte sie dann, "paaren die Dragusen sich mit menschlichen Männern. Ihre Königin jedoch fand in ganz Nadula keinen, der ihrer würdig war." Wieder das drohende Lachen, das sofort abbrach. "Sie hat das Drachenland in Richtung Eurer Welt verlassen. Ich wurde ausgeschickt", fuhr sie fort, als Cindy schon nachhaken wollte, "um nach ihr zu suchen." 
"Warum?" Sie ahnte die Antwort bereits.
Ismens Blick verharrte auf ihr. "Die Königin ist der Stamm der Dragusen", sagte das Mädchen langsam. "Die Quelle all ihrer Macht. In Eurer Welt, Cindy Delaney, ist eine Draguse verwundbar. Ich muss sie töten."
"Und wieso kommst du mit diesem Auftrag zu mir?" Ich sitze hier - Cindy Delaney, vierzig, geschieden, schlecht bezahlte Kellnerin in einem Drecksloch von Bar - mit einer kaum volljährigen Attentäterin aus dem Traumland meines irren Ahnen. Ismen zuckte die Achseln; fast entschuldigend. "William Delaney ist der einzige Mensch, der je über die Weltenscheide ging. Auf ihm beruht unser Wissen von Eurer Welt - Wissen, für dessen Besitz die Dragusen uns alle zu Tode foltern würden", fügte sie dunkel hinzu. "Der Spiegel-der-weiß hat mich an Euch verwiesen. Vielleicht könnt Ihr mir helfen."
Das reichte. "Vielleicht will ich dir gar nicht helfen! Selbst wenn ich glaube, dass Nadula existiert – was der Ring keinesfalls beweist -", denn es kann tausend Wege geben, auf denen eine Irre wie du unser Siegel an sich bringt - Cindy holte Atem. "Du hast mir soeben einen Mordplan gestanden", fuhr sie fort. "Vielleicht will ich dir gar nicht helfen, eine Fremde umzubringen! Ist dir das schon in den Sinn gekommen?"
Ismen wollte auffahren, doch ihr fehlte die Kraft. "Ja", sagte sie leise, ohne Cindy anzusehen. Dann hob sie den Kopf. "Lasst Ihr mich gehen", fragte sie ruhig, "oder ruft Ihr die Wache?"
Cindys Hand lag bereits auf dem Hörer, doch Ismens Blick ließ sie die Sache neu überdenken. "Würdest du mich töten, wenn ich es täte?"
Statt einer Antwort hob Ismen die linke Hand. Sie zitterte und Cindy sah eine lange, wulstige Narbe, die über den Handrücken lief und unter der Jacke verschwand. "Ich schwöre bei den Büchern", deklamierte Ismen leise und fest, "dass ich gehen und meine Aufgabe nicht eher als erfüllt sehen werde, als dass SIE oder ich tot ist, oder beide; und dass ich keinen außer IHR töten werde, und dass ich nicht von Nadula sprechen werde als zu jenen, die SEINEN Namen tragen; und dass, wenn ich den Schwur missachte, mein Name verflucht sei auf immer und gelöscht aus allem Gedenken."
Der Schwur mochte ehrlich gemeint sein oder nicht. Vielleicht, dachte die Zynikerin in Cindy, ist mit der linken Hand zu schwören in Nadula dasselbe wie hier mit gekreuzten Fingern. Sie hätte die Polizei rufen können. Sie hätte die Möchtegern-Drachentöterin zumindest aus ihrer Wohnung jagen und sich selbst überlassen können. Sie hatte, dachte Cindy, weiß Gott andere Sorgen. Ismens Blick jedoch hielt ihren gefangen, und sie seufzte. "Also gut. Wenn es wirklich so wichtig ist" - sie kam sich lächerlich vor, als sie das sagte -"werde ich dir helfen, falls ich es kann. Morgen. Du kannst heute nacht bleiben, aber die Couch gebe ich nicht her. Ich bin zu alt, um auf dem Boden zu schlafen."

Ich muss verrückt sein, dachte sie auch noch, als sie am Küchentisch ihre Morgenzigarette rauchte. Es war halb zehn, viel zu früh zum Aufstehen - aber wie sollte man schlafen bei solchen Geschichten? Ismen, Lederjacke und alles, lag neben dem Sofa - die Decke, die Cindy ihr als Unterlage gegeben hatte, fest um sich gewickelt. Im Juni. Gestern hatte Cindy ihren Zustand auf bloße Erschöpfung geschoben, doch langsam kamen ihr Zweifel. Kaum hatte sie den Gedanken gefasst, rollte Ismen sich herum und öffnete die Augen. "Guten Morgen." Cindy hob ihren Becher. "Kaffee?"
Als Ismen aus dem Bad kam, hielt sie ihr eine Tasse hin. Das Mädchen kostete, verzog das Gesicht, trank aber aus. "Da sind Brot und Honig, falls du Hunger hast", sagte Cindy und hatte die Worte kaum ausgesprochen, als Ismen über das Frühstück herfiel. Sieht so aus. Ismen vertilgte einen halben Laib Brot und sah aus, als könnte sie noch mehr vertragen. "Danke", sagte sie, als sie das Messer zur Seite legte. Sie lächelte; es ließ sie jünger wirken.
"Bekommst du daheim nichts zu essen?" fragte Cindy halb im Ernst.
Das Lächeln verschwand. Ismens Blick flog zum leeren Brotkorb. "Unter den Dragusen wäre diese Menge Brot und Honig eine Wochenration für drei Leute. - Das Land ist fruchtbar", fuhr sie fort, als ob sie Cindys Gedanken erahnte. "Doch die Dragusen nehmen alles. Sie baden darin."
"Wie kann man von so wenig leben?" entgegnete Cindy ungläubig.
"Wir stehlen." Wieder das kalte Lachen. "Und wer gefangen wird, stirbt. So oder so lebt man nicht sehr lange."
Das brachte Cindy zu ihrer anderen Frage. Sie hatte nachgedacht. "Was deinen Auftrag betrifft... Ich glaube dir", betonte sie hastig. "Nur, da es dabei um so viel geht - warum wurde nur einer ausgeschickt, und noch dazu ein Mädchen wie du?"
Aus irgend einem Gefühl heraus hatte sie befürchtet, Ismen würde die Frage übel auffassen. Das tat sie jedoch nicht. "Einen hierher zu schicken", sagte sie schließlich, "ist schon sehr viel. Es kostete all unsere Kraft. Was mich betrifft - vielleicht bin ich in Nadula ein wenig wichtiger, als ich aussehe. Oder vielleicht", und das Lächeln verschwand, "bin ich die einzige, die nichts zu verlieren hat." Sie hörte auf, mit dem Finger Brotkrumen aufzupicken, und sah Cindy an. "Es besteht die Gefahr, dass die Königin mich tötet. Wenn sie das tut, wird sie erfahren, wer ich bin. Wäre jemand anderer an meiner Stelle, würde sie dessen Familie ermorden lassen. Meine Großmutter jedoch ist die Hüterin der Bücher, sie lebt im Verborgenen. Sonst gibt es niemanden." Sie wandte sich ab, sah kein Brot mehr, löffelte Honig aus dem Glas und ließ ihn sich auf der Zunge zergehen.
Cindy beobachtete sie genau. Es war nicht so auffällig wie gestern abend, doch Ismen zitterte noch immer vor Kälte. "Bist du krank?" fragte sie.
Ismen legte den Löffel zur Seite. "Vielleicht", erwiderte sie ruhig. "Doch nicht so, wie Ihr denkt. In Nadula ist es sehr viel wärmer als hier. Ich friere."
Cindy fand einen alten Sweater für sie. Er war ihr viel zu groß und Ismen sah lächerlich darin aus, doch sie schien dankbar. "Hast du eine Ahnung, wo deine Drachenkönigin sein könnte?" fragte Cindy und trug die Teller zur Spüle. Ismen stahl das halb leere Honigglas vom Tisch. Cindy tat, als bemerkte sie es nicht. Aus den Augenwinkeln sah sie, wie das Mädchen die letzten Reste mit dem Finger ausschleckte. "Die Königin", sagte Ismen schließlich, "war immer von William angetan. Sie wird nach jemandem aus seiner Blutlinie Ausschau halten." 
"Was willst du tun?" Cindy wischte sich die Hände am Geschirrtuch ab. "Wenn du sie findest, wie kannst du sie töten? Hast du eine Waffe?" - "Ja."
"Gib sie mir", forderte Cindy und erwartete halb, dass Ismen einen verborgenen Revolver ziehen würde.
Ismen fuhr hoch, als Cindy auf die Couch zutrat. "Es ist ein Zauber", sagte sie und fügte, als sie Cindys Blick sah, hastig fort: "Er wird das Land gegen die Dragusen erheben - wenn er wirkt. Er ist uralt und wurde seit langer Zeit nicht gesprochen."
"Und dann?"
"Die Königin wird sterben. Und wenn sie stirbt, ohne sich gepaart zu haben, werden die anderen ihre Macht verlieren." Ismen stellte das leere Glas ab. "Wir müssen uns beeilen. Sie kam vor mir hierher. Es ist gut möglich, dass sie gefunden hat, wen sie suchte."

Cindy wusste selbst nicht viel über ihre Familie. William hatte vor fast zweihundert Jahren gelebt und seine Tagebücher der Bibliothek vermacht. Der Abteilung für Ahnenforschung verdankte Cindy ihr bisschen Wissen über Nadula und den Siegelring. Sie suchte ihre seit langem unbenutzte Bibliothekskarte heraus, bevor sie losgingen.
Sie fand die Stammbäume sofort; früher einmal hatte sie sich für all das interessiert. Sie waren allein. Ismens Gesicht nach zu schließen hatte sie noch nie so viele Bücher auf einem Haufen gesehen. Cindy fuhr mit dem Finger das Regal entlang. "Clarke, Conolly, Delahunty - Delaney." Sie trug den alten, vergilbten Band zum Tisch und schlug ihn auf. Ismen beugte sich über ihre Schulter und starrte dann verwirrt auf die Buchstaben. Nach einigen Momenten dämmerte es Cindy: "Kannst du nicht lesen?"
"Nicht das hier", gab Ismen zu. Sie schien noch immer verwirrt. "Unsere Bücher sind anders." Sie gestikulierte, als versuchte sie etwas Schwieriges zu beschreiben. "In ihnen sind Wesen und Pflanzen und Berge -"
"Bilder", vermutete Cindy. Sie entdeckte ein Bilderbuch, das jemand auf dem Nebentisch liegen gelassen hatte, und schlug es auf. "Wie hier." Ismens Blick bestätigte es ihr. "Bei uns sehen sich Kinder diese Bücher an."
Ismen beugte sich wieder über den Stammbaum. "Niemand könnte das lesen", sagte sie. "Nicht einmal meine Großmutter könnte es." Obwohl es lächerlich war, kam sich Cindy einen Moment lang sehr klug vor.
Sie fanden William und arbeiteten sich von ihm aus vor. Ein paar Verwandte waren im vorigen Jahrhundert nach Amerika ausgewandert; die kamen nicht in Frage, wie Ismen sagte. "Die Königin ist hierher gereist. Ich bin ihr gefolgt." Gelegentlich schienen Daten zu fehlen, doch schließlich reimten sie sich zusammen, welche von Williams Nachkommen noch lebten: eine Therese, eine Rachel und ein Francis Delaney. Das musste er sein - wenn Ismens Vermutungen der Wahrheit entsprachen. Sie machten sich auf die Suche nach einem Telefonbuch. Es gab eine Seite Delaneys, aber nur einen Francis. Cindy notierte die Adresse. "Frank Delaney’s Fundgrube", las sie die nächste Zeile vor. "Dieselbe Adresse, eine andere Nummer. Er wird wohl über dem Laden wohnen." Sie machten sich auf den Weg.

Nach zweimaligem Umsteigen brachte der Bus sie ans Ziel - in eine kleine, ruhige Wohn- und Geschäftsgegend. Das Haus war zweistöckig. Ein Torbogen führte in den Hinterhof, und dort lag die Fundgrube. Cindy sah auf die Uhr; halb zwei. Frank machte wohl gerade Mittagspause. Sie gingen trotzdem hin.
Der Laden war geöffnet. Eine altmodische Glocke über der Tür verriet ihr Eintreten. Das Geschäft bestand aus einem einzigen, langgestreckten Raum mit CD- und Plattenregalen an allen Wänden und einem Tisch mit Sonderangeboten in der Mitte. Am hinteren Ende stand ein Mann neben der Kasse. Er war groß und dünn, mit rotblondem Haar. Kurz entschlossen ging Cindy auf ihn zu. Er lächelte ihr zu, als wäre eine Kundin hier stets ein Ereignis. "Guten Tag. Sind Sie Frank Delaney?" Er nickte, ein wenig misstrauisch. Er war tatsächlich sehr groß und hielt sich ein wenig gebückt, als schämte er sich dessen. Cindy versuchte ein entwaffnendes Lächeln. Ismen stand abseits, betrachtete die CDs verblüfft und rätselte wohl herum, wozu sie gut waren. "Ich bin Cindy Delaney", sagte sie fröhlich. "Ich arbeite gerade an einem Ahnenforschungs- Projekt, und ich glaube, wir sind entfernt miteinander verwandt." Sie hatten sich auf dem Weg überlegt, was sie tun sollten, wenn sie Frank trafen; doch viel war ihnen nicht eingefallen. In seiner Nähe zu bleiben, bis sie die Königin fanden - 
Ihre Fröhlichkeit schien zu wirken. "Tatsächlich?" entgegnete er und lächelte. Zuerst dachte Cindy, es gälte ihr, doch dann bemerkte sie, dass er über ihre Schulter hinweg jemanden ansah. Sie drehte sich um. Die Glocke klingelte, die Tür war offen. Eine Frau trat ein, in jeder Hand ein Sandwich. Sie trug ein dunkelgrünes Kostüm und einen hellen Frühlingsmantel und hatte knallroten Lippenstift aufgetragen, der ebenso leuchtete wie ihr Haar.
Feuerrotes Haar. Und ein Mantel im Juni. Das Gesicht der Fremden erstarrte zu einer Maske, als sie an Cindy vorbei blickte. Im selben Moment hörte Cindy Ismens Stimme, leise und fest. "Elfangye vezda bileho alfarye -" Die Tür schwang zu und die Frau kam näher. "Hallo, mein Liebling" sagte Frank Delaney etwas verwirrt. Die Frau blickte ihn mit ihren kohlschwarzen Augen an, und auf einmal sackte er neben Cindy zusammen und fiel mit einem dumpfen Ton zu Boden. Als Cindy wieder aufblickte, wandte die Fremde sich Ismen zu. Ihre Augen wechselten die Farbe, mit einem Mal waren sie golden und aus ihnen schien Feuer zu sprühen.
"Alfarye, aleste, anebe tayryhar -" Fassungslos sah Cindy zu, wie die Fremde auf Ismen zutrat. Innerhalb eines Schrittes verwandelte sie sich. Plötzlich war das Haar eine Stachelmähne, der Mantel ein geschuppter Schwanz; plötzlich wuchsen Schwingen aus ihren Schultern und Nüstern aus ihrer Stupsnase. Die Draguse warf den Kopf herum und peitschte mit den nun entfalteten Schwingen durch den Raum. Die linke versetzte Ismen einen heftigen Schlag, der sie von den Füßen riss. Cindy wollte zu ihr laufen, da fuhr der Kopf herum. Flüssiges Gold sprühte aus den Augen und lähmte sie.
Ismen hatte die Ablenkung genutzt und sich erhoben. An die Wand gelehnt, begann sie wieder: "Aneba tayryhar, svetenhleb ulydehar -" Die Augen der Draguse funkelten; sie spreizte die Schwingen, doch diesmal schlug sie nicht zu. Statt dessen zuckte eine ihrer Krallen nach vorn. Fast sanft streifte sie Ismen am Arm, doch die Kralle riss mühelos durch die Lederjacke und das Hemd darunter. Ismen schrie auf, als wäre sie verbrannt worden. Den Spruch vergessend, begann sie mit der linken Hand den Stoff rund um die Wunde aufzureißen. Cindy sah jetzt, dass sich eine geschwollene, wulstige Narbe zu bilden begann - genau wie jene an Ismens Handrücken. Mit einem Mal taumelte das Mädchen und sank leise wimmernd zu Boden.
Zum ersten Mal hörte Cindy die Stimme der Königin, die direkt in ihrem Kopf zu sprechen schien: 'Ihr schmutzzzzigen Frauen sssseid doch nicht alle ganzzzz dumm. Ihr habt meinen Erwählten gefunden – den letzzzzten Ssssohn des edlen William. Ssssein Blut ist schwächer geworden, doch essss wird genügen. Starke Dragussssen wird er zzzzeugen, würdige Töchter meiner.' Ismens schlanke Finger krallten sich in ihren eigenen rechten Arm. Ihre Knöchel traten weiß hervor; ihr Körper begann zu beben. 'Steh auf', befahl die Draguse, und Ismen gehorchte - gegen ihren eigenen Willen, dachte Cindy, die sie beobachtete. Das Mädchen kämpfte gegen sich selbst an. Die Augen der Draguse fixierten es. 'Isssmen vom Holm', zischte sie. 'Ja, ich ssssehe deinen schmutzzzzigen Namen. Ssssag mir, Issssmen, wen ich nach dir töten ssssoll - deine Grosssssmuter, wo isssst ssssie? Wo verbirgt ssssie ssssich?'
Ismen schüttelte den Kopf. Ihre Brust hob und senkte sich in heftiger Atmung. Die Draguse verlor die Geduld. Ismen sah einen weiteren Schwingenschlag kommen, doch bereits an die Wand gelehnt, konnte sie nicht mehr ausweichen. Sie fiel hin. 'Steh auf', befahl die Königin erneut, und eine gekrümmte, messerscharfe Klaue senkte sich langsam auf Ismens Kopf zu.
Die Klaue brachte Cindy auf eine Idee. Der Ring. Sie fingerte in der Tasche herum und fand ihn. "He, Königin!" schrie sie. Der Kopf fuhr herum und bevor die goldenen Augen sie erneut lähmen konnten, warf sie der Draguse den Ring entgegen. "Ein Andenken von deinem edlen William!"
Die Nüstern der Königin weiteten sich. Sie schnaubte, abgelenkt. Die Klaue entfernte sich von Ismen und pickte behutsam und geschickt mit einer Krallenspitze den Ring vom Boden auf.
Ismen stand wieder, an die Mauer gelehnt, den Kopf erhoben. "Ulydehar asmina mastryo chytrys raë!" Die Draguse fuhr herum, doch der Spruch war vollbracht. Einen Moment lang sah Cindy die beiden, Auge in Auge einander gegenüber. Ismen, sehr blass und erschöpft, drückte sich gegen die Wand. Die Königin schnaubte und schnellte den gewaltigen Drachenkörper in einem blitzschnellen Satz auf sie zu -
- und zerfloss und zerfiel, bevor sie das Mädchen berührte. Etwas wie kränklicher, gelber Nebel hüllte den Raum ein und verbarg die Sicht. Cindy hustete, zog sich ihren Seidenschal vors Gesicht und lief zur Tür, um sie zu öffnen. Unter dem Gebimmel der Glocke zog der Staub nach draußen und verblasste.
Ismen saß auf dem Boden, das Gesicht in den Armen vergraben. Besorgt hockte sich Cindy neben ihr nieder. Ismen hob den Kopf und starrte ihren eigenen rechten Arm an. Cindys Augen hatten sie nicht getäuscht. Eine wulstige Narbe zog sich inmitten des zerfetzten Leders dahin, doch Blut war keines zu sehen. Die Wunde hatte sich sofort nach ihrem Entstehen geschlossen. Ismens Blick war ausdruckslos; ihr Atem ging wieder ruhig.
"War die Klaue vergiftet?" fragte Cindy schließlich, vor allem, um überhaupt etwas zu sagen. Sie war nicht sicher, ob sie es wissen wollte. Ismen nickte und strich den Jackenärmel, so gut es ging, über der Narbe glatt. "Das Gift zwingt einen, der Draguse die Wahrheit zu sagen. Es tötet nicht." Erst jetzt dachten sie beide an Frank. Cindy warf einen raschen Blick zur Theke, doch dort regte sich nichts.
Sie hielt Ismen die Hand hin, und gemeinsam gingen sie nachsehen. Frank schien zu schlafen; er schnarchte kaum hörbar und ein leises Lächeln spielte auf seinem Gesicht. Langsam begann Cindy wieder klar zu denken. "Wir sollten wohl nicht hier sein, wenn er aufwacht." Sie wandte sich zu Ismen um, die etwas vom Boden aufhob und es Cindy wortlos hinhielt. Es war Williams Ring. "Er gehört Eu- dir", sagte Ismen. Cindy zögerte, halb in der Erwartung, ihn anzustecken würde die Dragusenkönigin zurück beschwören. Dann schob sie ihn doch auf den Finger. Nichts geschah. "Wie kommst du nach Hause?" fragte sie.
Ismen zuckte die Schultern. "Ich kenne ein paar Wege. Es wird eine lange Reise -" Sie brach ab, als ihr Blick auf den Tisch mit den CDs fiel. "Oder auch nicht", murmelte sie. Cindy trat näher und sah sie etwas aufheben, das inmitten der Ware lag. Es war ein kleiner, funkelnd roter Stein. "Ein Portalstein", sagte sie lächelnd. "Nur Dragusen dürfen einen besitzen." Sie schloss die Hand darum, zögerte dann. Ihr Blick ruhte lange auf Cindy. "Seine Kraft reicht für zwei", sagte sie schließlich. Es klang, als wollte sie etwas anderes sagen und wüsste nicht, wie. 
Es dauerte eine Weile, bis Cindy begriff: "Du willst, dass ich mitkomme?"
Ismens Blick schien von dem roten Stein gefangen. Mit einem Mal hob sie den Kopf, fast als müsste sie sich zwingen, Cindy anzusehen. "Ich glaube, es würde dir gefallen", sagte sie. "Es ist ein schönes Land. Die Dragusen konnten es nicht verderben, und was sie zerstört haben, werden wir wieder gut machen." Erst jetzt sah sie Cindy an. "Es wäre nur ein Besuch, nicht für immer. Der Rückweg stünde dir offen."
Cindy dachte an Eddie; daran, dass sie um sechs in der Bar sein musste. Dann lächelte sie über sich selbst. "Ich wollte sowieso demnächst auf Urlaub fahren", sagte sie und erwiderte Ismens Blick. Ismen nahm ihre Hand und begann leise zu summen, und Cindy spürte, wie die Welt sich zu drehen begann.

So kehrte nach zweihundert Jahren an der Seite von Ismen, Heldin des Freiheitskampfes, der Name Delaney nach Nadula zurück. Als Cindy das Land betrat, schien es ihr, dass sie einen Teil von sich wieder fände; einen, dessen Fehlen ihr bisher nicht einmal aufgefallen war.
 

© Barbara Schinko
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