| Drachenflamme und Werwolfsblut von Laura Vobig |
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Mein Pulsschlag raste, mein Herz schlug mir bis zum Hals, als ich sah, wie die winzigen rot-gelben Punkte in der Ferne über die Hügel der `Moorwellen` flogen. Sie wirkten wie kleine Glühwürmchen, doch leider sah die Realität ganz anders aus. Das waren keinesfalls irgendwelche Insekten. Es waren Drachen, deren Augen in einem grellen Rot aus der Dunkelheit starrten. Sie waren die königlichen Truppen von Volvagia, dem roten Feuerdrachen, der aus Erde und Lava entstand. Der sich nie aus seinem Vulkan erhob. Der über alle Drachen regierte wie ein König. Es war Volvagia, der den Kopf meines Vaters von seinem Haupte trennte und ihn fraß, als wäre er ein billiges Stück Schokolade gewesen. So erzählte es mir meine Mutter, als sie noch früh am Morgen in mein Zimmer kam. Noch vor Sonnenaufgang. Mit meinem Vater und dem Abschaum von Drache in meinem Herzen wuchs ich auf. Ich war siebzehn, meine Hände waren begabt genug ein Schwert zu halten. Ich wollte mich rächen, an dem Drachenkönig, der Tag für Tag in seinem Vulkan ruhte und sich nie blicken ließ. Ich wollte ihm ebenfalls brutal den Kopf abschlagen und als Trophäe über meinen Kaminsims hängen. Also begab ich mich, ohne ein Wort meiner Mutter zu sagen, mit Degir, meinem weißen Ross, auf den Weg zum Vulkan des Drachenkönigs. Doch mein Racheversuch scheiterte. Jurak, ein kleiner hässlicher Drache und Späher des Königs, entdeckte mich. Er meldete es seinem Herrn und der wiederum rief seine Soldaten um mich gefangen zu nehmen. Wer hat schon gerne Eindringlinge in seinem Reich? Die Soldaten des Volvagia fanden mich und hetzten mich im schnellen Fluge. Ich ritt wild davon, auf dem Rücken von Degir. Doch sie verfolgten mich weiter, es schien mir ewig vorzukommen. Auf dem Weg brach Degir zusammen. Und ich Scheußal ließ ihn liegen. Ich rannte davon und hörte das Brüllen der Drachen, die mein Pferd verschlangen. Doch ich verschwand in einem nahegelegenen Wald, in der stillen Finsternis. Es fing an zu schneien. Riesige Schneeflocken fielen vom Himmel. Erschöpft stand ich da, an einen hohen Baum gelehnt. Die glühenden Augen der Drachen kamen näher. Ich konnte ihr Atmen schon aus der Ferne hören. Wie ein unheimlicher Alptraum kam mir das Ganze vor. Doch ich wollte nicht aufwachen, sooft ich mich auch schlug. Angespannt stand ich dort und wartete auf meinen sicheren Tod. Ich vermisste meine Mutter, die bestimmt schon längst gestorben war. Es war lange her, seitdem ich sie das letzte Mal sah. Doch plötzlich stupste mich etwas von hinten an. Es fühlte sich an wie eine kalte und nasse Nase auf meiner nackten Haut. Meine Nackenhaare sträubten sich und ich wagte es nicht mich zu bewegen. "Komm` mit...", flüsterte mir eine leise Stimme von hinten ins Ohr. Ich hatte Angst und dachte, ich würde jeden Moment sterben. Doch irgendetwas in mir sagte, dass dieses Wesen, was immer es war, nichts Schlechtes von mir wollte. Ich drehte mich um und sah ihn, ein großer rotäugiger Warg. Er sah abschreckend aus, doch ich vertraute ihm. Ein symphatisches Lächeln ging von ihm aus. Es war sehr warm. Er sah aus wie ein großer schwarzer Wolf. Seine Beine waren weit gespreizt und doch lang und elegant. Er war nur ein Stück kleiner als Degir. Sein flauschiges Fell war schwarz wie die Nacht und die großen Pfoten versanken im winterlichen Schnee. Mit feuerroten Augen blickte mich der Warg an. "Steig auf mich, ich bringe dich in Sicherheit", setzte er fort. Ich nickte und zog mich an seiner Mähne auf seinen Rücken. Ein Warg war mir wesentlich lieber, als ein Haufen blutdurstiger Drachen. Er rannte los und wie der Wind huschte er zwischen den dicht aneinander stehenden Bäumen hindurch. "Ich bringe dich hier weg, in meine Höhle. Zu jemandem, der dir bekannt vorkommen wird." Das verunsicherte mich. Was wollte dieser zu groß geratene Wolf von mir? Die Drachen hörte ich schon lange nicht mehr. Das beruhigte mich sehr. Langsam wurde ich müde. Seit zwei Tagen hatte ich nicht geschlafen. Doch kurz bevor ich meine Augen schließen wollte, bremste der Warg. Wir waren in einer warmen Höhle angekommen. Dort setzte er mich ab. Ein Lagerfeuer prasselte, was ich ungewöhnlich fand. Doch ich war zu müde um zu denken und so schlief ich schnell ein... Noch am selben Tage wachte ich auf. Ich stützte mich mit meinen Armen hoch und schlug die Augen auf. Auf den ersten Blick kam es mir unheimlich vor, doch dann sah ich jemanden neben den Flammen. Es war ein Mensch, genau wie ich. Seine Haare waren schwarz, ziemlich lang und unordentlich. Seine unbekleideten Hände und Füße zitterten vor Kälte. Sie waren lang und knochig. Die Augen des Mannes waren weiß-grau, fast silbern. Durch den Fetzen Stoff, den er am Leibe trug, konnte man seine Rippen sehen. Er war dürr und hatte doch starke Arme. Ich raffte mich zusammen und fragte: "Wer bist du? Bist du ein Freund des Wargs?" Der Mensch schaute mich lächelnd an. "Ich bin der Warg, Junge", sagte er und blickte wieder ins Lagerfeuer, "und ich bin dein Vater." Erstaunt blieb mir mein Herz fast stehen. Ich wollte reden, doch kein einziges Wort wollte aus meinem Mund ertönen. "Mit Sicherheit hat dir deine Mutter viel Unsinn über meinen Tod erzählt. Nein, sag ich dir, das stimmt nicht. Mich hat nie jemand umgebracht. Es gibt bestimmte Gründe, weshalb ich gegangen bin und in den Hügeln der Moorwellen lebe. Ich bin ein reinrassiger Werwolf, Junge. Damals wurde ich gebissen von einem dieser Monster. Es kam einfach so in unser Haus. Ich glaube, du warst noch gar nicht geboren. Seitdem habe ich... ich glaube man kann das Werwolf-Syndrom mit einer ansteckenden Krankheit vergleichen. In unserem Dorf hätte ich aus Blutdurst alle gebissen und alle wären Werwölfe geworden. Das wollte ich verhindern. Und um die Drachen brauchst du dir keine Sorgen zu machen. Nur lästig, aber nicht lebensgefährlich. Es ist anstrengend gegen sie zu kämpfen, aber leicht zu fliehen. Ich lebe seit Jahren so." Mir liefen die Tränen über meine Wangen. Ich krabbelte auf allen vieren zu ihm hinüber und umschlung ihn mit meinen Armen. Endlich sah ich meinen Vater, der seit langem verschollen oder tot galt. In mir kam ein Gemisch aus Gefühlen auf. Freude, Trauer, Zorn und Erstaunen. Alles, was mir meine Mutter erzählte, war eine Lüge. "Schon lange versuche ich dieses Werwolf-Syndrom zu beenden, doch es geht nicht. Ich brauche dazu Drachenflammen und Werwolfsblut. Von dem Blut habe ich reichlich, doch die Flammen fehlen. Pass auf, Junge. Du kannst es vielleicht schaffen. Wenn ich dich aus dem Wald hinaus begleite und beschütze. Die Drachen haben es auf dich abgesehen, so wird es ein Leichtes, dass sie Feuer speien." Ich antwortete: "Na gut, aber wie soll ich die Flammen fangen? Mit den Händen?" "Genau so. Du bist etwas besonderes. Du kannst es schaffen." Der Mann verwandelte sich. Erst bekam er eine widerlich lange Schnauze. Seine Eckzähne wuchsen aus seinem Maul heraus. Er wurde haarig und ihm wuchs ein Schwanz und seine Hände und Füße ballten sich zu Pfoten. In seinen Augen loderte eine Flamme. "Lass uns gehen", sprach er. Ich stieg auf.
Und wieder sauste er durch die Wälder bis hinaus auf einen dunklen
Vorposten der Drachen. Und hätte das nicht schon gereicht, stürtzten
sich die Drachen wie Aasgeier auf uns. Wie mein Vater sagte. Sie spuckten
Feuer. Mein Vater rannte kreuz und quer auf dem Vorposten herum. "Fang
die Flammen!", rief er, doch ich traute mich nicht. Ich war mal wieder
zu feige. Und dann kam es auch noch schlimmer. Einer der Drachen packte
ihn, meinen Vater. Ich fiel herunter. "Fang die Flammen!", rief mein Vater
mir zu. Wahrscheinlich waren es seine letzten Worte. Ich hatte Angst um
ihn. Und dann passierte es. Wie eine innere Kraft, die aus mir heraus kam,
drehte ich mich den Drachen zu und schrie: "Kommt doch, ihr Bestien! Speit
euer Feuer! Äschert mich ein!" Es geschah so. Ich hatte ihre Aufmerksamkeit.
Sie spuckten mir Feuer entgegen. Ich fürchtete mich, trotzdem blieb
ich stehen. Auf einmal sah ich es. Das war kein gewöhnlicher Drache.
Das war der Feuerdrache, das war Volvagia! Aus seinem Maul kamen Flammen
und ich hielt sie. Ich packte sie, wie einen Gegenstand. Und da hatte ich
sie in der Hand: Die rote Flamme des Volvagia. Der Drache, der meinen Vater
gepackt hatte, schmiss ihn unter eine große
Kiefer am Waldrand. Dort blutete er den Schnee
voll. Das Weiß verschwand, nur noch ein Blutrot. Sein Rücken
war komplett aufgeschlitzt. Ich rannte so schnell ich konnte zu ihm. Den
Flammen, die die Drachen spuckten, konnte ich gut ausweichen. Auf den Knien
ließ ich mich vor meinem Vater nieder und ohne zu wissen, ob es richtig
war, legte ich die Flammen in seine Wunde. Tatsächlich, es funktionierte.
Seine Wunde verschwand und er wandelte sich wieder zum Mensch um. Ein kerngesunder
Mann, wie ich ihn mir immer vorstellte. Er stand auf und sagte: Ich
war mal Drachenreiter, Junge. Ob du es für möglich hältst
oder nicht. Komm mit, ich zeig dir, wie man es macht." Es war erstaunlich,
dass er schon wieder so fit war. Sehr erstaunlich. Er packte mich an der
Hand und rannte auf einen Drachen zu, der sich gerade auf dem Boden niedergelassen
hatte. Wenn mich meine Augen nicht trügten, war das Volvagia, der
Herr aller Drachen. Er sah königlich aus. Seine Schuppen glänzten
und seine Flügel waren prächtig und groß. Die Erde war
nicht des Drachens Element. Ich rannte hinter meinem Vater hinterher und
mit einem Satz sprang er auf den Rücken des Drachen. Mich zog er mit
sich. "Halt dich an den Stacheln fest!", rief er mir zu. Ich tat was er
sagte. Der Drache flog wieder empor, doch man meinte, er würde gelenkt
werden. Er flog ruhig und sanft durch die Luft. "Du musst nur wie ein Drache
denken und schon tut er was du willst, Junge." Mein Vater dachte anscheinend
für den Drachen. Ich fand es hinreißend. Und so saßen
wir auf dem Drachen, dem König der Drachen. Ob das mein Vater wusste
oder nicht war mir egal. Es war mir nur wichtig, dass ich meinen Vater
wiederhatte. So flogen wir weit weg, dorthin, wohin der Wind uns trug.
© Laura Vobig
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