Ein Märchen
In einer kleinen Stadt lebte einst ein Jüngling,
der war so stark, daß ihn alle Welt nur Protzmuskel rief. Haare hatte
er wie Sandpapier, Augen von der Farbe junger Veilchen, seine Nase glich
einer verbogenen Rübe, und vor lauter Kraft konnte er kaum gerade
stehen. Er hatte Schultern wie ein Bär, ein Becken wie eine Katze,
und mit dem kleinen Finger konnte er zehn gestandene Männer umwerfen.
Dabei war er aber so liebreizend und sanftmütig, daß es einen
verwundern mochte, denn nie trat er seine Gegner in die Eingeweide, nachdem
er sie k.o. geschlagen hatte.
Eines Tages trat nun Protzmuskel vor seinen
Vater, der Schneider war, und sprach zu ihm: "Laß mich in die Welt
hinausziehen und dort mein Glück bei einem Boxweltmeister suchen,
denn es gibt in unserer kleinen Stadt nicht einen Mann oder Jüngling,
den ich nicht schon krankenhausreif geschlagen habe, und sie beginnen mich
zu meiden. Dies schmerzt mich. Laß mich also gehen!"
Da legte der Schneider Nadel, Faden und Tuch
zur Seite, kletterte auf seinen Schemel, küßte Protzmuskel auf
den sandpapierfarbenen Scheitel und sagte: "Geh, mein inniggeliebter Sohn,
und möge Schmeling immer mit dir sein!"
So nahm also Protzmuskel Abschied von seinem
Vater und der kleinen Stadt und zog in die weite Welt hinaus, und nach
einer langen Reise fand er endlich einen Boxweltmeister, der ihn in seine
Schule aufnahm und ihn alle seine Künste lehrte - bis auf einige,
die er eifersüchtig vor ihm verbarg, denn der Boxweltmeister hatte
ein schwarzes und böses Herz und sann alleweil darauf, wie er es verhindern
könnte, daß ihm jemand seinen Titel abnahm. Da nun aber Protzmuskel
immer stärker und stärker wurde und die Muskeln auf seinem Körper
erblühten wie Blumen auf einer Sommerwiese, faßte der Boxweltmeister
eine Abneigung gegen ihn und sann, wie er ihn loswerden konnte.
Er hatte aber einen Freund, der ihm innig
ergeben war, denn der Boxweltmeister hatte ihm einst durch einen gezielten
Faustschlag gegen den Kopf seines Vaters zu einem stattlichen Erbe verholfen,
und dieser Freund war in vielen Jagdsportvereinen organisiert und war auch
ein gar trefflicher Pistolenschütze. Zu diesem Freund begab sich der
böse Boxweltmeister und sprach zu ihm: "Höre, mein Freund, die
Zeit ist gekommen, da du mir deine Treue und Dankbarkeit beweisen und deine
Schuld abtragen kannst. Sicher hast du schon gehört, daß Protzmuskel,
mein Schüler, von Tag zu Tag stärker wird, und eines Tages wird
er mich vielleicht übertreffen. Geh also mit Protzmuskel in den Wald,
führe ihn tief, tief hinein und erschieße ihn, und wenn du mir
dann als Beweis eine Strähne seiner Haare bringst, soll es dein Schaden
nicht sein."
Da nickte der Schütze und versprach,
sein Bestes zu tun. Und so zogen am nächsten Tag Protzmuskel und der
Sportschütze in den tiefen, dunklen Wald, und während Protzmuskel
glücklich hierhin und dorthin eilte, den Bäumen Fausthiebe und
Uppercuts verpaßte und nach gefährlichen Riesen ausschaute,
schritt hinter ihm der Schütze mit Mord im Herzen und stopfte Kugeln
und Pulver in den Lauf seiner Pistole. Und als Protzmuskel an der tiefsten
Stelle des Waldes innehielt, weil er keine Riesen entdecken konnte, und
sich umwandte, sah er den Schützen, der mit der Pistole genau auf
sein Sportlerherz zielte und mit Donnerstimme sagte: "Rühr dich nicht,
oder ich schieße daneben!"
Und Protzmuskel starrte auf die Pistole und
sagte: "Scheiße." Dann richtete er den geschwollenen Blick seiner
Veilchenaugen auf den Schützen und fragte ihn: "Sag mir, warum willst
du mich erschießen? Ich habe dir nie etwas getan und bin nie gegen
dich angetreten, und trotzdem willst du mich töten?"
"Du hast mir zwar nichts getan", entgegnete
der Schütze, "aber ich bin ein Freund des Boxweltmeisters und schulde
ihm einen Gefallen, und er bat mich, dich zu erschießen; es solle
mein Schaden nicht sein."
"Warum aber", fragte Protzmuskel, "will der
Boxweltmeister, daß ich sterbe?"
Da antwortete der Schütze: "Er will,
daß du aus dem Weg geräumt wirst, damit du ihm den Weltmeisterschaftstitel
nicht abnehmen kannst. Hast du schon einmal an seinem Sandsack trainiert,
Protzmuskel?"
"Nein", sagte Protzmuskel.
"Hättest du auch gar nicht tun können",
triumphierte der Schütze, "denn er läßt niemanden an diesen
Sandsack heran. Tagtäglich, gleich nach dem Aufstehen, rennt er zu
ihm, drischt auf ihn ein und schreit: Ich bin der Stärkste im Land,
verdammt nochmal! Und der Sandsack antwortet unter allerlei Ächzen
und Stöhnen: Du - uff - bist vielleicht der Stärkste hier, aber
Protzmuskel - ächz - drüben im Turnsaal ist noch tausendmal stärker
als du! Und so hat er einen großen Zorn auf dich und hat mir befohlen,
dich zu töten. Und zum Beweis soll ich ihm eine Strähne deiner
Haare mitbringen, und dann werde ich reich belohnt werden."
"Soso", sagte Protzmuskel. "Und wenn ich dich
nun bitte, mich nicht zu erschießen? Wir könnten versuchen,
die Sache in einem kleinen Boxkampf zu klären."
"Nein", sagte der Schütze, "das wäre
unfair, denn ich bin Fliegengewicht und du Schwergewichtsklasse, also können
wir niemals gegeneinander antreten."
Da sann Protzmuskel, wie er sich retten könne,
und sagte: "Wenn ich dich aber nun besteche und dir die Nummer meines geheimen
Nummernkontos in der Schweiz verrate, und wenn ich fliehe - von mir aus
noch tiefer in diesen Wald hinein -, und wenn ich dir eine Haarsträhne
gebe, die du dem Boxweltmeister als Zeichen bringen könntest, daß
du mich erschossen hast, dann bräuchtest du mich doch eigentlich gar
nicht zu erschießen, oder?"
"Nein", sagte der Schütze, und ein gieriges
Funkeln trat in seine Augen, "das brauche ich dann eigentlich nicht. Wie
ist denn die Nummer?"
Da streckte Protzmuskel die Hand aus und nahm
die Pistole an sich, und als er das getan hatte, beugte er sich vor und
flüsterte die Nummer in das Ohr des Pistolenschützen. Und da
keiner von ihnen eine Schere bei sich trug, faßte er alsbald eine
Strähne seines Haares, hielt die Mündung der Pistole daran und
drückte ab, und dann gab er dem Schützen die Strähne und
die Pistole, und dann drehte er sich um und lief in den tiefen Wald.
Der Boxweltmeister aber, als er von ferne
den Schuß vernahm, hielt beim Boxen inne, und ein glückliches
Lächeln trat in sein Gesicht, und er sprach zu sich: "Nun hat es Protzmuskel
erwischt, und ich bin wieder der Stärkste im ganzen Land und brauche
nicht mehr um meinen Titel zu fürchten."
Als dann der Schütze aus dem Wald zurückkehrte
und dem Boxweltmeister die Strähne überreichte, drückte
ihn dieser an sich, herzte und küßte ihn und beschenkte ihn
reichlich. Daraufhin nahm der Schütze ein Flugzeug in die Schweiz,
hob alles Geld von Protzmuskels Nummernkonto ab und führte fortan
ein glückliches und zufriedenes Leben.
So war Protzmuskel also dem Tode entronnen,
aber er irrte durch den tiefen, dunklen Wald und wußte nicht, wohin
er sich wenden sollte, denn er kannte keinen anderen Boxmeister, bei dem
er noch hätte lernen können. Nach langem Umherirren fügte
es sich indes, daß er sieben Sümpfe durchquerte, und hinter
den sieben Sümpfen entdeckte er ein kleines Haus, welches ganz verlassen
zu sein schien, und die Tür war nicht verschlossen. Da beugte Protzmuskel
seinen starken Nacken und duckte sich unter dem Türbalken hindurch
und fand sich in einer gar lieblich anzuschauenden Wohnung. Da stand ein
Tisch, auf dem waren sieben Teller gedeckt, und sieben Becher standen daneben,
und sieben Nachtischschälchen standen auf der anderen Seite, und neben
jedem Teller lagen Messer und Gabeln und kleine Dessertlöffel - je
sieben an der Zahl. Und gar köstlich aussehende Speisen harrten
der Bewohner des Häuschens, die da kommen sollten - oder sie harrten
Protzmuskelns, der sich ohne langes Nachdenken hinsetzte und alles aß
und alles trank, was da aufgetragen war. Dann durchschritt er das Häuschen
und gelangte in ein Schlafzimmer, in den standen sieben Betten und sieben
Toilettentische, auf denen je sieben Lippenstifte in sieben Farben lagen.
Protzmuskel aber hatte noch nie einen Lippenstift gesehen, und es dünkte
ihn, daß diese herrlich duftenden, cremigweichen Gebilde gerade der
richtige Nachtisch für ihn seien, und also aß er einen davon.
Darob wurde ihm aber so schlecht, daß er ins Badezimmer stürzte
und sich in eine der sieben Toiletten übergab. Hernach war er so müde,
daß er ins Schlafzimmer zurückkehrte, die sieben Betten zusammenschob
und sich daraufwarf, und sie brachen zusammen, aber er war schon eingeschlafen.
Das Häuschen gehörte aber sieben
Nymphen, die in den benachbarten Sümpfen als Fremdenführerinnen
hart arbeiteten und des Abends erschöpft heimkehrten. Als sie nun
ihr Haus betraten, sahen sie sich Bergen von gestapeltem und durcheinandergeworfenem
Geschirr gegenüber, und sie eilten hierhin und dorthin in großer
Bestürzung, und die erste rief: "Wer hat von meinem Tellerchen gegessen?"
Und die zweite rief: "Wer hat aus meinem Becherchen
getrunken?"
Und die dritte rief: "Wer hat meine Messer
und Gabeln verbogen?"
Und die vierte rief: "Wer hat sich die Nase
an meinem Tischtuch geputzt?"
Und die fünfte rief: "Wer hat meinen
lilafarbenen Lippenstift gegessen?"
Und die sechste rief: "Wer hat die Schweinerei
im Badezimmer veranstaltet?"
Und die siebte rief: "Und wer liegt da vollgekleckert
und nach Wein stinkend auf unseren zusammengebrochenen Betten und schnarcht
wie ein ganzes Sägewerk?"
Und sie eilten alle herbei und bestaunten
Protzmuskel, und wiewohl sie sehr erzürnt über das Chaos waren,
das er hinterlassen hatte, bewunderten sie doch seine kraftstrotzende Gestalt,
die da auf den Betten lag und mit lautem Schnarchen das Haus erbeben machte.
Und schließlich beugte sich die Älteste
vor und weckte Protzmuskel auf, indem sie ihm die Nase zuhielt.
Protzmuskel schlug die Augen auf und sah sieben
liebliche Gesichter, die über ihm schwebten, und eine Hand, die einen
angebissenen Lippenstift hielt. Eine liebliche Stimme fragte: "Hast du
meinen Lippenstift gegessen?"
Und Protzmuskel erwiderte: "Nein, das habe
ich nicht, denn wiewohl er wunderbar süß duftete, hat er doch
widerwärtig geschmeckt, so daß ich ihn gleich wieder ausgekotzt
habe."
"O du Barbar", rief die liebliche Stimme,
"du hast in unserem Haus eine furchtbare Unordnung angerichtet. Wer bist
du, woher kommst du, und warum bist du nicht dort geblieben?"
Protzmuskel setzte sich auf und ließ
seine Muskeln spielen, aber die Nymphen taten, als wären sie überhaupt
nicht beeindruckt, und so entschloß er sich, ihnen zu erzählen,
was sie wissen wollten. "Ich bin Protzmuskel", sprach er, "und der Boxweltmeister,
bei dem ich in die Lehre gegangen bin, wollte mich töten, damit ich
ihm den Weltmeisterschaftstitel nicht abnehmen kann, und so bin ich in
den Wald geraten. Natürlich bin ich nicht geflohen, sondern wollte
nur mein Glück anderswo versuchen."
"Natürlich", sprach die älteste
Nymphe, "wir verstehen dich vollkommen. Und da du groß und stark
bist, magst du bei uns bleiben, bis du den Schaden, den du angerichtet
hast, abgearbeitet hast. Du kannst waschen, kochen, putzen und den Garten
umgraben, während wir arbeiten gehen. Fang am besten sofort an und
bring die Betten, die du kaputtgemacht hast, wieder in Ordnung."
Protzmuskel erhob sich, dankte den Nymphen
für ihre Freundlichkeit und holte sofort Hammer und Nägel und
ging an die Arbeit. Und bis spät in die Nacht klopfte er und sägte,
hämmerte, wusch das Geschirr ab und kochte das Essen für den
nächsten Tag, daß es eine Freude war, und lange, ehe er fertig
war, waren die Nymphen eingeschlafen.
Am nächsten Tag gingen die Nymphen zur
Arbeit, und die Älteste sagte zu Protzmuskel: "Heute kannst du mit
dem Garten anfangen und Tulpenzwiebeln setzen. Und rede mit niemandem,
der vorbeikommt! Dieser Boxweltmeister wird vielleicht herausfinden, daß
du noch lebst, und er scheint ein wirklich hinterlistiger und garstiger
Bursche zu sein. Also, paß auf! Es könnte sein, daß wir
dich noch für andere Dinge brauchen!"
Protzmuskel nickte und ließ seine Muskeln
spielen und sagte, daß er sich recht gut verteidigen könne,
aber die Nymphen sagten: "Du Narr, es gibt noch andere Waffen als Muskeln!"
und gingen fort. Protzmuskel aber ging ins Haus, wusch das Frühstücksgeschirr
ab und holte sich hernach einen Spaten, um mit der Gartenarbeit anzufangen.
Unterdessen aber war der Boxweltmeister in
seine Trainingshalle geschritten und begann, auf den Sandsack einzudreschen,
und rief: "Jetzt bin ich wieder der Stärkste im ganzen Land, gibst
du das zu, du Sack?"
Und der Sandsack antwortete: "Du - uff - bist
vielleicht der Stärkste hier, aber Protzmuskel - aua - hinter den
sieben Sümpfen - ächz - bei den sieben Nymphen ist noch tausendmal
stärker als du!"
Da begann der Boxweltmeister vor Wut zu toben
und versetzte sich selbst einen solchen Kinnhaken, daß er besinnungslos
niedersank. Als er aber wieder zu sich kam, sann er lange nach, wie das
hatte geschehen können, und er sprach zu sich: "Mein Freund hat mich
offenbar verraten. Na, dem verhelfe ich nicht noch einmal zu einem reichen
Erbe! Aber er ist in die Schweiz geflogen und kommt bestimmt nicht zurück,
und ich komme vorläufig nicht an ihn heran. Aber Protzmuskel, an den
komme ich heran! Ich will ihn mit eigener Hand vernichten und mich nicht
mehr auf zweifelhafte Freunde verlassen!" Und er sann und sann, wie er
das bewerkstelligen könne. "Ich will", sprach er zu sich selbst, "Protzmuskel
bei seiner Eitelkeit packen. Ich werde mich als schöner Jüngling
verkleiden und ihn zum Wettrennen herausfordern, und dann wende ich einen
jener Tricks an, die ich ihm wohlweislich nicht verraten habe. Und dann
bin ich wieder der Stärkste im ganzen Land!"
So verkleidete er sich, und am Nachmittag
gewahrte Protzmuskel, der im Garten des Häuschens Tulpenzwiebeln setzte,
einen schönen, starken Jüngling, der geradewegs auf ihn zuschritt
und sprach: "Heda, mein Freund! Du siehst so stark aus, aber gewiß
bist du nicht stärker oder schneller als ich. Laß uns um die
Wette rennen, damit wir sehen, wer besser ist!"
"Täte ich ja gern", sagte Protzmuskel,
"aber ich habe eine Schuld abzuarbeiten und bin hier noch lange nicht fertig."
"Es dauert bestimmt nicht lange", sagte der
Jüngling. "Du siehst so phantastisch stark aus, du bist doch bestimmt
schnell wie der Blitz."
"Bin ich auch", antwortete Protzmuskel und
bog den Arm, daß das Hemd unter der Kraft seiner Muskeln zerriß,
"aber leider habe ich jetzt gar keine Zeit."
"Ah", sagte der Jüngling, "dann muß
ich wohl annehmen, daß du fürchtest, mir unterlegen zu sein?
Vielleicht hast du diese Muskeln mit Hilfe von Tabletten aufgebaut und
bist überhaupt nicht stark und schnell? Na, ich sehe ja schon, welche
Mühe es dir bereitet, den Spaten zu heben. Tut mir leid, dich überschätzt
zu haben. Leb wohl!"
"Moment mal", sagte Protzmuskel eilig und
schmiß den Spaten beiseite. "Hier ist überhaupt nichts mit Tabletten
aufgebaut, und das werde ich dir beweisen! Wo sollen wir laufen?"
"Siehst du, ich wußte doch, daß
du ein echter Mann bist", sagte der Jüngling lächelnd. "Ich habe
mir gedacht, wir rennen hier so zweihundertmal ums Haus. Was meinst du?"
"Na sicher, klar, das geht", sagte Protzmuskel,
und so stellten sie sich nebeneinander auf und zählten bis drei und
rannten los, und nach vierzig Runden lag Protzmuskel schon eine Runde vor
dem fremden Jüngling und freute sich über seine Schnelligkeit.
Bei der sechsundachtzigsten Runde jedoch (und der Jüngling hatte erst
dreiundachtzig) nutzte der Jüngling geschickt einen Augenblick aus,
in dem Protzmuskel ihn nicht sehen konnte, holte eine Wasserflasche aus
seinem Gürtel und streute ein Pulver hinein. Alsdann schüttelte
er die Flasche, und als Protzmuskel bei der nächsten Runde schnaubend
an ihm vorüberzog, hielt er ihm die Flasche hin und keuchte: "Hier!
Eine Erfrischung! Ich habe auch schon davon getrunken!" Und Protzmuskel
nahm die Flasche an, setzte sie an den Mund und hatte gerade einen Schluck
getrunken, als er über den Spaten stolperte und der Länge nach
hinflog und sich nicht mehr rührte.
Da hielt der verkleidete Boxweltmeister an,
betrachtete Protzmuskel und rief: "Ich hatte nicht erwartet, daß
es so schnell wirken würde, aber ha! Jetzt bin ich wieder der Stärkste!"
Und so schnell er konnte, eilte er in den Wald.
Am Abend aber kehrten die sieben Nymphen von
ihrer Arbeit heim und fanden Protzmuskel auf dem Boden liegend und rund
um das Haus eine getrampelte Spur. Da dachten sie, er sei tot, und huben
an zu klagen und zu jammern, aber die Jüngste näherte sich Protzmuskel
und zog sein Augenlid in die Höhe und schüttelte ihn, und alsbald
schlug er die Augen auf und fragte: "Habe ich gewonnen?"
Und die Nymphe sprach: "Ich weiß nicht,
wovon du redest, aber erstens bist du mit deiner Arbeit nicht fertig, und
zweitens hast du dagelegen wie tot. Was ist passiert?"
Da erzählte Protzmuskel von dem fremden
Jüngling und dem Wettrennen, und die drittälteste Nymphe fand
die Flasche, die im Gras lag, schnupperte an der Öffnung und sprach:
"Du hast Glück gehabt, Protzmuskel, daß du gestolpert bist,
denn diese Flasche enthält ein so starkes Dopingmittel, daß
es dir die Brust zerrissen hätte und du gestorben wärst, wenn
du sie ausgetrunken hättest. So aber bist du nur ohnmächtig geworden."
Und die zweitälteste Nymphe rief: "Bestimmt
war dieser fremde Jüngling der Boxweltmeister, der dich töten
will, Protzmuskel, du Dummkopf! Hatten wir dir nicht gesagt, daß
du aufpassen solltest, während wir weg sind?"
Und Protzmuskel nickte kleinlaut und versprach,
am nächsten Tag besser achtzugeben und sich auf keine Herausforderung
einzulassen, und so verging der Abend unter allerlei Scherzen in friedvoller
Harmonie.
Der Boxweltmeister kehrte indes nach Hause
zurück und rannte sogleich in die Trainingshalle, wo er den Sandsack
bearbeitete und rief: "So, jetzt habe ich Protzmuskel eigenhändig
den Garaus gemacht! Gibst du jetzt zu, daß ich der Stärkste
bin?" Der Sandsack jedoch antwortete: "Ganz im Gegenteil, du Schuft! Du
bist zwar - autsch! - der Stärkste hier, aber Protzmuskel hinter den
sieben Sümpfen bei den sieben Nymphen ist noch tausendmal stärker
als du!"
"Was?" schrie der Boxweltmeister außer
sich vor Wut, und dann sann und sann er die ganze Nacht hindurch, wie er
Protzmuskel endgültig vernichten konnte. "Ich will", sprach er zu
sich, "ihn erneut bei seiner Eitelkeit packen, denn er geht sofort auf
eine Herausforderung ein, wenn man seine Stärke anzweifelt. Doch ich
muß geschickt zu Werke gehen, denn gewiß haben ihn die Nymphen
gewarnt, und wenn auch sein Verstand bei weitem nicht so überragend
ist wie seine Kraft, mag er doch mißtrauisch geworden sein. Ich werde
also diesmal nicht auf seine Schnelligkeit, sondern auf seine gewaltige
Sprungkraft zielen und mich als Känguruh verkleiden." Sprach's und
hüpfte alsbald in den Wald.
Protzmuskel aber, nachdem sich die Nymphen
unter allerlei Ermahnungen und Liebkosungen von ihm verabschiedet hatten,
begab sich am Morgen wiederum in den Garten, um seine unterbrochene Arbeit
fortzusetzen, und über kurzem gewahrte er ein Känguruh, das sich
ihm unter possierlichen Hüpfern vom Wald her näherte, und darob
belustigte er sich so sehr, daß er lauthals lachte. Darob aber ergrimmte
das Känguruh und sprach zu ihm: "Du närrischer Mensch, entblödest
du dich nicht, über mich zu lachen? Ich bin ein höchlichst weitgereistes
Tier und verfüge über die erstaunlichsten Erfahrungen. Enthebe
dich daher augenblicklich deines Gelächters, denn du wirst dich mit
mir in keiner Weise messen können."
Darauf entgegnete Protzmuskel: "Ich glaube
dir, daß du weit herumgekommen bist, aber du mußt wissen, daß
ich Protzmuskel bin, ein überaus starker Mann, und wenn du mir das
nicht glaubst, will ich es dir gerne beweisen, sobald ich mit diesem Garten
fertig bin."
"Warum nicht jetzt gleich?" fragte das Känguruh.
"Weil die Nymphen mir aufgetragen haben, daß
ich heute mit dem Garten fertig werden soll, und weil ich bei ihnen in
Schuld stehe", sagte Protzmuskel.
Da sagte das Känguruh: "Ah, du bist also
ein Mann, der unter dem Pantoffel steht! Na, das ist deine Sache, aber
ich habe es eilig und mag mich nicht lange aufhalten, und ich merke schon,
daß du dich nur drücken willst. Das ist so das Rechte bei euch
Männern; ihr prahlt und protzt mit euren Talenten, aber den Beweis
bleibt ihr schuldig und versteckt euch hinter euren Frauen. Nun gut, mir
kann es ja gleich sein, aber sei versichert, daß ich all meinen Freunden,
den Känguruhs, von dir erzählen werde, sobald ich nach Australien
heimgekehrt bin. Leb wohl!"
"Warte mal", sagte Protzmuskel und warf die
Tulpenzwiebeln beiseite, "ich habe nichts dagegen, daß du ihnen von
mir erzählst, aber du sollst ihnen nichts Falsches erzählen.
Wie soll ich dir meine überragende Kraft beweisen?"
"Das ist ganz einfach", sagte das Känguruh,
"ich denke mir, wir springen zum Aufwärmen erst einmal über dieses
Haus. Das ist eine meiner leichteren Übungen, also gestatte ich dir,
vorher ein paarmal zu üben, bevor wir gleichzeitig springen. Du darfst
vierzig Schritte Anlauf nehmen."
"Gut", sagte Protzmuskel, nahm sogleich vierzig
Schritte Anlauf und sprang über das Haus. Doch das Känguruh,
das der verkleidete Boxweltmeister war, hatte zuvor auf der anderen Seite
des Hauses ein tiefes Loch gegraben und die Wände mit Anabolika bespritzt,
und so sprang Protzmuskel mit einem Riesensatz über das Haus und landete
mit Donnergepolter in dem Loch, wo er sogleich wie tot darniedersank. Das
Känguruh aber hüpfte an den Rand der Grube, blickte hinab auf
Protzmuskel und sagte: "Jetzt bin ich wieder der Stärkste auf der
ganzen Welt!" Und sprang zurück in den Wald.
Am Abend aber kamen die Nymphen nach Hause,
entdeckten das Loch und zogen Protzmuskel mit vereinten Kräften heraus,
und alsbald schlug er die Augen auf und fragte: "Wo ist das Känguruh?"
Da waren sie so froh, daß er wieder am Leben war, daß sie ihn
herzten und küßten und eine höchst vergnügte Nacht
mit ihm verbrachten, und als sie ihn am Morgen wieder verließen,
waren sie alle sehr müde und hatten Ringe unter den Augen und ermahnten
ihn gar flehentlich, sich mit keinem Fremden einzulassen, und Protzmuskel,
der sich ein wenig zerschlagen fühlte, versprach alles und ging steifbeinig
an die Arbeit.
Der Boxweltmeister hatte inzwischen von seinem
Sandsack erfahren, daß Protzmuskel nicht nur schändlicherweise
noch am Leben war, sondern auch noch ein höchst liederliches Leben
führte, und sann alsbald auf furchtbare Rache. "Nun will ich", sprach
er, "ihn auf meinem eigenen Gebiet schlagen, denn immerhin bin ich Boxweltmeister.
Ich muß aber mit besonderer List vorgehen, denn er wird jetzt auch
gegen Känguruhs äußerst mißtrauisch geworden sein.
So will ich mich als Bär verkleiden und ihn zu einem Boxkampf herausfordern,
und ich werde ihm die Boxhandschuhe geben, in denen ein vergifteter Dorn
steckt, und dann ist es aus mit ihm! K.o. in der vierten Runde! Ha!" Und
er verkleidete sich und lief in den Wald, und über kurzem gewahrte
Protzmuskel einen großen Bären, der sich ihm unter bedrohlichem
Gebrumm näherte und ihm ein Paar Boxhandschuhe vor die Füße
schleuderte, und da er schrecklich gern mal wieder boxen wollte, vergaß
er seine Arbeit und die Ermahnungen der Nymphen, streifte die Boxhandschuhe
über und sank sogleich tot zu Boden.
Der Bär aber lachte dröhnend und
eilte in den Wald, um sich zu Hause von seinem Sandsack bestätigen
zu lassen, daß er jetzt wirklich der Stärkste auf der ganzen
Welt war - da entdeckte ihn ein Jäger, hielt ihn für einen echten
Bären und schoß ihn tot, und das war das Ende des bösen
Boxweltmeisters. Aber auch Protzmuskel war tot, und als die Nymphen am
Abend heimkehrten und ihn fanden, half kein Küssen und kein Schütteln,
und er blieb tot, und sie fanden nicht heraus, wie er gestorben war. Und
da sie wußten, wie sehr er den Boxsport geliebt hatte, ließen
sie die Boxhandschuhe an seinen Händen und legten ihn in einen gläsernen
Sarg und weinten sieben Monate lang um ihn, und er blieb muskelbewehrt
und eindrucksvoll, wie er gewesen war. Obwohl ihn die Nymphen aber eifersüchtig
bewachten, sprach sich die Geschichte herum, und nach und nach kamen viele
Menschen, um ihn zu bestaunen, und schließlich gaben sie ihre Arbeit
als Fremdenführerinnen auf, gründeten ein Protzmuskel-Museum,
in dem sie den Sarg ausstellten, und verdienten massenhaft Geld an ihm.
In jenen Tagen lebte auch eine Prinzessin,
die selbst schrecklich gern boxte und ihrem Vater das Leben schwermachte,
weil niemand mehr gegen sie antreten wollte. Diese Prinzessin hörte
nun von Protzmuskel, und sogleich rief sie aus: "Ach, hätte ich ihn
doch gekannt, als er noch lebte! Wie herrlich hätten wir uns gegenseitig
die Nasen krumm schlagen können!" Und sie sattelte sogleich ihr Pferd
und ritt zu dem Haus der Nymphen, das gut ausgeschildert war, und hinter
dem Haus war jetzt ein Parkplatz, wo sie ihr Pferd parkte und eine unmäßig
hohe Gebühr dafür bezahlte, aber das machte ihr gar nichts aus.
Und so kam sie zu Protzmuskels gläsernem Sarg, und als sie ihn dort
liegen sah, mit den Boxhandschuhen noch an den Händen, verliebte sie
sich sogleich in ihn und flehte die Nymphen an, ihn ihr zu überlassen.
Aber die Nymphen sagten: "Nein, wir geben ihn dir nicht, denn erstens sind
wir allesamt schwanger, wie du siehst, und brauchen das Geld, und zweitens
ist er tot, und du kannst sowieso nichts mit ihm anfangen. Nein, du bekommst
ihn nicht!"
Aber die Prinzessin bot ihnen Gold und Geschmeide
an und bat sie so inständig, daß sie schließlich einwilligten
und ihn ihr überließen. So lud sie den Sarg auf ihr Pferd und
führte das Pferd durch den Garten, um nach Hause zurückzukehren.
Aber da stolperte das Pferd über den Spaten, der seit sieben Monaten
dort vor sich hinrostete, und der Sarg kippte hinunter und zersprang in
tausend Stücke. Und von dem Ruck rutschten die vergifteten Boxhandschuhe
von Protzmuskels Händen, und alsbald erwachte er und schlug die Augen
auf und fragte: "Wo ist der Bär?"
Und die Prinzessin antwortete: "O mein Geliebter,
ich weiß nichts von einem Bären, aber wie froh bin ich, daß
du lebst! Ich habe dich den Nymphen abgekauft, und du brauchst keine Alimente
zu zahlen, und jetzt gehörst du mir, und wir können boxen, bis
wir umfallen."
Da sagte Protzmuskel: "Hm, die Nymphen waren
aber viel hübscher als du."
Da versetzte ihm die Prinzessin einen schwungvollen
Kinnhaken, und als er wieder zu sich gekommen war, stiegen sie gemeinsam
auf das Pferd und ritten zum Schloß des Königs und heirateten
auf der Stelle und lebten glücklich und zufrieden; und wenn sie nicht
gestorben sind, boxen sie noch heute.
Ende
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